Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275956
Tizian, 
Erstes Auftreten. 
507 
sein. Gewiss ist, dass er in seinem zehnten Jahre nach Venedig ge- 
schickt wurde, um dort unter Aufsicht eines Oheims sich weiter aus- 
zubilden. Dieser gab ihn zuerst dem Sebastiano Zuccato, einem ge- 
schickten Mosaikmaler, bald aber dem berühmten Giovanni Bellini in 
die Lehre. 
Ohne Zweifel hat der junge Tizian mit allem Eifer sich den Lehren 
des schon sechzigjahrigen, aber in voller Frische schaffenden Meisters 
hingegeben. Aus demselben Jahre 1487, in welchem vermuthlich der 
talentvolle Schüler zu ihm kam, stammt in der Sammlung zu Venedig 
eine mit Bellini's Namen bezeichnete Halbfigur einer Madonna, welche 
das vor ihr auf einer Brüstung stehende J esuskind hält. Es ist ein 
kleines Bild von zartester Ausführung, in einem milden Kolorit mit 
feinen durchsichtigen Schatten, der Kopf der Maria vornehm grossartig 
und doch liebevoll blickend; nur die Hände erscheinen etwas schwer 
und ungeschickt. Man erkennt noch die Fesseln, Welche die herge- 
brachte Anordnung der Andachtsbilder und die überlieferte befangene 
Farbenbehandlung dem Meister auferlegten. 
Die vollständige Befreiung der venezianischen Malerei aus diesen 
Banden sollte, wie wir sahen, ein hochbegabter Meister in feurigem 
Üngestüm, ein Altersgenosse Tizian's, Giorgione bewirken. Wahr- 
scheinlich in demselben Jahr mit Tizian geboren, lernte er gleich diesem 
die Malerei beim alten Bellini. Eine dichterisch angelegte Natur, tief- 
sinnig, phantasievoll, durchglüht von bedeutenden schöpferischen Ge- 
danken, fand er bald keinGenüge mehr in der still gemessenen Weise, 
dem fast ängstlichen Detailliren des alten Stiles. Mit dem ächten Blick 
des Malers begabt, entdeckte er für seine Kunst neue Gebiete und 
schuf sich einen grossen, feurigen Stil, der seine Zeitgenossen zu solcher 
Bewunderung hinriss, dass nicht bloss sein Mitschüler Tizian mit ihm_ 
wetteiferte, sondern ihr gemeinsamer Meister mit staunenswerther Jugend- 
frische sich in seinen letzten Werken der neuen Behandlungsweise hin- 
gab. Wir haben schon gesehen, dass nach jenem Brande vom Jahre 
1504 die prächtiger wieder aufgebaute Tuchhalle der Deutschen (fondaco 
de' Tedeschi) durch Giorgione an der nach dem Canale Grande ge- 
legenen Seite mit Fresken geschmückt wurde. Begierig nach gleicher 
Auszeichnung, wusste Tizian (1507) es dahin zu bringen, dass man ihm 
die gegenüber liegende Seite auszumalen anvertraute, und mit solcher 
Gewandtheit hatte er den Stil Giorgionefs sich angeeignet, dass das 
Werk für eine Arbeit seines Nebenbuhlers gehalten wurde, und man 
der Ansicht war, dieser habe sich selbst darin übertroffen. Nur eine
        

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