Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275836
Giorgione. 
Novellistische 
Bilder. 
495 
durch die steilen Felsenufer an antiken Ruinen vorbei sich den Weg 
zum Flusse. Auf der einen Seite des Ufers steht, an einen Stab ge- 
lehnt, eine feine Jünglingsgestalt, das träumerische Antlitz von einem 
Walde dunkler Locken umhüllt, nachlässig in ein seltsames fast lands- 
knechtartiges Kostüm gekleidet. Er blickt unverwandt auf eine Frau, 
die auf dem andern Ufer sitzt und eben dem Bade entstiegen zu sein 
scheint, denn bis auf ein Tuch, welches ihre Schultern umhüllt, ist sie 
völlig unbekleidet, und nur das Gebüsch des Vordergrundes verhüllt 
zum Theil ihre Formen. Die Anwesenheit eines Zuschauers scheint 
sie nicht zu ahnen oder doch unbeachtet zu lassen, denn sinnend hinaus- 
blickend giebt sie einem kleinen Knaben, der sich an sie schmiegt, 
die Brust. Nichts liegt dem Bilde ferner als sinnlicher Reiz, denn 
schon die unschönen schweren, mütterlich mühsamen Formen der Frau 
sind dem entgegen. Vergeblich würde man auch eine Andeutung über 
das Verhältniss der beiden Gestalten suchen; wir sehen in dem Bilde 
nur den idyllischen Frieden stillen Mutterglücks im Schooss einer 
üppigen Natur. Die Stimmung erhält durch die am Horizont auf- 
ziehenden Gewitterwolken, aus denen eben ein Blitz herabzuckt, noch 
geheimnissvolleren Ausdruck. Obwohl das Bild gelitten hat, ist es in 
der feinen Stimmung des Kolorits immer noch, von hohem Reiz. 
Eine mehr sinnlich heitere Schilderung des Naturlebens tritt uns 
auf dem köstlichen Bilde des Louvre entgegen, welches eine jugendliche 
Gesellschaft in reicher blühender Landschaft im Genuss der Musik darstellt. 
Zwei junge Männer sitzen im Vordergrund auf einem Wiesenplan, und 
Während der eine, vornehmere und feinere, die Laute im Schooss hält und 
mit der Hand darüber hinstreicht, wendet der andere, eine mehr bäuerlich 
naive Erscheinung, sich ihm aufmerksam zu. Als dritte im Bunde sitzt 
ihnen gegenüber ein junges Weib, das dem Beschauer den Rücken 
zuwendet, und deren breite volle Formen mit Ausnahme eines Ge- 
wandes, das den Schooss bedeckt, unverhüllt erscheinen. Sie hallt in den 
Händen eine Flöte, die sie eben vom Munde abgesetzt hat und scheint 
aufmerksam dem jungen Manne zu lauschen. Links neben der Gruppe 
steht ein anderes junges Weib, dessen volle Formen ebenfalls nackt 
aus dem nur die Hüften und den Schooss umhüllenden Gewande her- 
vortreten. Sie stützt sich mit der Rechten auf den Rand eines Brunnen- 
beckens, in welches sie mit der linken Hand ein Schöpfgefass zu tauchen 
im Begriff ist. Im Hintergründe der überaus poetischen, durch schöne 
Baumgruppen und freie Durchblicke fesselnden Landschaft sieht man 
einen Hirten mit seiner Heerde. Wie man (Crowe und Cavalcaselle)
        

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