Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275813
Giorgiong. 
Altartafeln. 
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lung, die fein accentuirte, wohl abgewogene Zeichnung und Modellirung, 
das energische Licht und die Zartheit des Helldunkels erinnern freilich 
zumeist an den Letzteren; doch ist der Zustand des Bildes derart, dass 
er ein sicheres Ürtheil verbietet. Anders verhält es sich mit der hoch- 
gepriesenen Darstellung des von Engeln bestatteten und betrauerten 
Christus im Monte di Pietä. zu Treviso. Dies effektvolle Virtuosen- 
stück mit den bravourmässigen Verkürzungen, den derben wenig ge- 
wählten Formen, der fetten und Heischigen Behandlung mit ihrem 
gelblichen Licht und röthlich-braunen Schattentönen kann wohl sicher 
dem Pordenone, nicht aber der feinen Kunst Giorgionds zugeschrieben 
werden. Auch das berühmte hochphantastische Bild des Seesturmes, 
welches aus der Scuola di S. Marco in die Akademie zu Venedig 
übergegangen ist, darf trotz seiner unleugbar poetischen Macht und 
dämonischen Phantastik, ganz abgesehen von den späteren Üeber- 
malungen, nicht auf Giorgione zurückgeführt werden, da es schon in 
der ersten Anlage zu viel Bravourmässiges enthält. Dagegen wird 
eine Madonna im Museum zu Madrid, welche mit der h. Brigitta und 
einem kriegerischen Heiligen in Halbiiguren dargestellt ist, durch Crowe 
und Cavalcaselle dem Tizian zugeschrieben. Auch die thronende Ma- 
donna im Louvre mit der h. Katharina und Sebastian, Joseph und einem 
knieenden Stifter wird neuerdings dem Giorgione abgesprochen und 
dem Pellegrino gegeben; das Bild ist aber von einer so ernsten strengen 
Gluth und intensiven Macht des leuchtenden Kolorits, dass kaum ein 
anderer als Giorgione dafür eintreten kann. Allerdings entfernen die 
wuchtigen Charaktere, die derben und vollen, dabei innerlich gewaltigen 
Naturen desselben sich von der vornehmen Feinheit der Gestalten auf 
dem Altarwerk zu Castelfranco, dennoch herrscht in der Madonna und 
dem Kinde grosse Verwandtschaft mit jenem Werke, und_die herbe, 
fast bäuerliche Schönheit der Katharina, sowie den ergreifenden Kopf 
Sebastians, endlich die Art, wie die Madonna das Kind hält und vor 
dem Herabgleiten bewahrt, kann man nur Giorgione zutrauen. 
Ungleich eigenthümlicher erscheint Giorgione in solchen Bildern, 
welche den herkömmlichen religiösen Stoffen fernstehen und im Gebiet 
einer rein poetischen Anschauung wurzeln. Diese Werke sind in ihrem 
Inhalt oft räthselhaft verschleiert und mögen in einzelnen Fallen auf 
Herzenserlebnisse des Künstlers zurückzuführen sein. Unwillkürlich 
erinnert man sich dabei der Berichte seiner Zeitgenossen, welche ihn 
als einen dem weiblichen Geschlechte besonders ergebenen Liebling der 
Frauen schildern. Solcher Art ist vor Allem jenes kleine Bild, das
        

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