Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275808
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Buch. 
Kapitel. 
Die Venezianer. 
Sammlung befindliches, gleich den vorgenannten aus Poggio Imperiale 
stammendes Bild tragt noch so sehr das Gepräge Bellini's, dass man 
es diesem zugeschrieben hat; aber schon der novellistisch phantastische 
Charakter des Bildes spricht mehr für Giorgione. Denn obwohl es die 
Madonna mit einer knieenden Heiligen und mehreren Andern, darunter 
den h. Paulus und Petrus enthält, liegt der Darstellung doch ein tieferer 
allegorischer Gedanke zu Grunde; darauf deutet in der Mitte des Bildes 
ein Orangenbailm, dessen Früchte von nackten Knaben herabgeschüttelt 
und von anderen mit bezaubernder Naivetät gesammelt werden. Auch 
hier bildet eine feine Landschaft den Hintergrund, welche als idyl- 
lische Staffage einen Centaur, einen Hirten mit seiner Heerde und 
einen Einsiedler enthält. 
Diese kleinen Bilder aus der Jugendzeit des Künstlers verrathen 
schon deutlich den Weg, welchen sein selbständiger Genius einzu- 
schlagen im Begriff war. Aehnliches gilt wie es scheint von einem 
grösseren Bilde, der Geburt Christi, welches aus der Galerie Fesch in 
die Sammlung Beaumont nach London gelangt ist und sich wieder 
durch eine treffliche Gebirgslandschaft auszeichnet; ebenso von einem 
kleinen Bilde der Anbetung der Könige zu Leigh Court, Welches 
von Crowe und Cavalcaselle dem Bellini abgesprochen und Giorgione 
beigelegt wird. Dass alle diese Werke dem grossen Altarbild von 
Castelfranco in der Zeit vorausgehen und also für die stilistische Ent- 
wickelung Giorgionds von grossei" Bedeutung sind, leidet wohl keinen 
Zweifel. Sie zeigen unverkennbar, wie er aus Technik, Formen und 
Anschauungen Bellini's hervorwuchs und sich erst allmählich zu grös- 
serer Selbständigkeit erhob. 
Ümfangreichere Altarbilder scheint Giorgione nur ausnahmsweise 
noch geschaffen zu haben, und was ihm von solchen Werken zuge- 
schrieben wird, ist keineswegs zweifellos. Dies gilt zunächst von dem 
Altarbild in S. Rocco in Venedig, welches in Halbiiguren den Heiland 
unter der Last des Kreuzes darstellt, wie er in vornehmer Ruhe den 
Beschauer anblickt,_wahrend ein halbnackter Henker in scharfer Profil- 
stellung durch die Gemeinheit des Typus und des Ausdrucks den Adel 
in der Hauptfigur nur noch schärfer hervortreten lässt. Ein Alter und 
ein im Halbdunkel kaum sichtbarer Wächter dienen zur weiteren Ver- 
stälrkung des Gegensatzes. Solche psychologische Kontraste hahen_ 
auch Tizian in seinem Christus mit dem Zinsgroschen vorgeschwebt, 
und auch das Bild in S. Rocco ist von älteren Berichterstattern bald 
Tizian bald Giorgicne zugeschrieben worden. Auffassung und Behand-
        

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