Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275719
Venezianer. 
Die 
483 
Zwölftes 
Kapitel. 
Die 
Venezianer. 
Auch für Venedig war die Zeit gekommen, da seine Malerei die 
höchste Stufe der Entwicklung ersteigen, die letzten Reste herber alter- 
thümlicher Strenge und Befangenheit abstreifen und sich zu freier 
Schönheit entfalten sollte. Ünd zwar vollzog sich merkwürdiger Weise 
diese letzte Phase höchster Vollendung zu einer Zeit, da es mit der 
stolzen Macht der Republik unaufhaltsam abwärts ging, da einerseits 
die immer gewaltiger vordringenden Türken ihr im Orient die lange 
behaupteten Gebiete entrissen, andrerseits die Entdeckung des Seeweges 
nach Ostindien (1498) den levantinischen Handel auf andere Bahnen 
führte und die Markusstadt ihres bisher ausschliesslichen Vorrechtes 
als Stapelplatz und Vermittlungspunkt zwischen Morgen- und Abendland 
beraubte. Und doch war die seit Jahrhunderten angesammelte Fülle 
von Reichthümern und die überlieferte monumentale Gesinnung immer 
noch so mächtig, dass die Malerei jetzt ihre glänzendsten Aufgaben 
erhielt und mit ihrer Farbenpracht einen verklärenden Abendschein 
über die sinkende Herrlichkeit Venedigs ausgoss. 
Gemäss der früher schon begründeten Eigenart seiner Kunst war 
es auch jetzt nicht wie in der ilorentinischen und römischen Schule 
der Geisteshauch aus dem klassischen Alterthum, der die Kunst zur 
vollen Freiheit und Grösse entband, sondern der reiche aus den natür- 
lichen lokalen Bedingungen hervorgehende Zauber, der dieser im tiefsten 
Grunde naturalistisch angelegten Malerei ihre Vollendung gab. Wer 
an einem jener sonnigen Tage des Südens die noch in ihrem Verfall 
verführerische Lagunenstadt in ihrer Lage mitten in den Meeresfluthen 
sieht , deren Griisse in schimmernden Lichtreflexen an den Marmor- 
facaden verwitterter Paläste hinaufzittern, der begreift, dass hier alle 
Lust eines farbenglanzenden, schönheitverklärten Erdendaseins ihre 
Heimath gefunden hat. Die milde Feuchte der Seeluft vermählt sich 
mit dem Strahlenschein eines sonnig klaren Himmels, und beide Ele- 
mente im Verein weben jenen duftigen Schmelz der Töne, der wie
        

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