Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275511
sprach. Auch Gaudenzio giebt sich diesem volksthümlichen Thema mit 
der ganzen Energie seines Naturells hin, derber und leidenschaftlicher 
als der milde Luini und zugleich mit manchen genrehaften Neben- 
{iguren von Kriegsknechten, Hauptleuten, missgestalteten Zwergen und 
Kropiigen, die gewiss das Entzücken seines Publikums erregten, uns 
aber den Eindruck geben, dass sein Realismus mit dem in der rafae- 
lischen Schule gewonnenen höheren Stilgefühl sich nicht immer ver- 
tragen will. S0 sind denn die Schöpfungen Gaudenzids von ungleicher 
Art, manchmal von hinreissender Schönheit und erstaunlicher Kraft der 
Empfindung, dann wieder im Einzelnen phantastisch und stillos. Be- 
merkenswerth für seine Richtung ist endlich, dass er allem Anscheine 
nach ausschliesslich im religiösen Stoifgebiet thätig war. 
Die Betrachtung seiner Altarbilder ist am besten geeignet, über 
die stilistische Entwickelung des Künstlers Auskunft zu geben. Als 
die früheste der uns bekannten Tafeln darf wohl das schöne Altarblatt 
in der Kirche zu Arona betrachtet werden, welches die Bezeichnung 
Gaudentius Vincius und die Jahreszahl 1511 trägt. Denn man darf 
gewiss annehmen, dass mit diesem sonst unbekannten Künstlernamen 
kein Anderer als Gaudenzio Ferrari gemeint sei. Es ist eine mehr- 
theilige Altartafel, von einem zierlich geschnitzten auf blauem Grunde 
vergoldeten Rahmen eingefasst. Das Hauptbild stellt nach einem Motive, 
welches in der umbrischen Schule hauüg vorkommt, die Madonna in 
Verehrung des neugeborenen Kindes dar. Dieses sitzt auf einem Sack 
und legt den Finger an den Mund, welchen der kleine Johannes zu 
ergreifen und Wegzuziehen sucht, während ein Engel das Christuskind 
spielend am Beinchen fasst. Zu beiden Seiten sind links die Heiligen 
Katharina und Barbara, rechts Augustinus und Petrus Martyr darge- 
 stellt, welche eine knieende Stifterin aus dem Hause Borromeo der 
Madonna empfehlen. Darüber sieht man in der Mitte wieder ganz in 
Peruginds Art die Halbügur des segnenden Gottvater, rechts den h. Fi- 
delis und Hieronymus, links zwei andere Heilige, Ersterer besonders 
von einer an Sodoma erinnernden süssen Jugendschönheit. Gleiche 
Anmuth und Holdseligkeit zeigen die herrlichen Engel, während die 
Madonna etwas befangen im Ausdruck ist und die h. Katharina an den 
spitznasigen Typus Francia's erinnert. Üeber das Ganze ist ein Hauch 
seelenvoller Milde ausgegossen, die Farbe ist kräftig, tief und har- 
monisch und erinnert wiederum an Perugino. Vom Jahr 1515 datirt 
sodann ein ebenfalls aus sechs Tafeln bestehendes Altarwerk in S. Gau- 
denzio zu Novara. Es enthält unten in der Mitte die thronende
        

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