Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1275027
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Buch. 
Kapitel. 
Sienesen. 
in ein Buch vertieft am Boden, eine Gestalt, die an die Philosophen 
aus der Schule von Athen gemahnt. Aehnliches darf man von dem 
rechts die Stufen hinaufschreitenden Jüngling sagen, neben welchem 
die mit ihrem Kind auf dem Arm herabsteigende Mutter ebenfalls von 
rafaelischer Schönheit ist. Auf der andern Seite fällt der am Boden 
liegende nackte Bettler auf, der von einem orientalisch gekleideten 
Mann ein Almosen empfängt. Neben diesem sieht man wieder rechts 
eine Gruppe von Frauen, von denen die jugendliche in reichen Ge- 
wändern dem Beschauer den Rücken zukehrt. Links dagegen fällt der 
Blick in die Tiefe des Bildes, wo eine Anzahl andrer Gestalten, da- 
runter wieder ein Orientale zu Pferde sichtbar wird. Alle diese Figuren, 
in deren ausdrucksvoller Schönheit sich das Studium RafaePs verräth, 
haben mit dem Vorgang nicht einmal als Zuschauer zu schaffen, son- 
dern sind lediglich um ihrer selbst willen vorhanden. Es ist das Durch- 
brechen einer völlig neutralen Schönheit, unter welcher die Gesetze 
historischer Composition sich gänzlich verflüchtigen. Endlich verfehlt 
der Künstler nicht, den Reichthum seiner architektonischen Erfindung 
in den mannichfaltigsten Formen zur Schau zu stellen, indem er einen 
thurmartig etwa im Charakter des antiken Septizoniums componirten 
Bau, einen Obelisk, einen ionischen Tempel nach Art der Maria Egi- 
ziaca und einen Palastbau, an welchem sogar schon Rustikasaulen 
spuken, hinzufügt. Peruzzi hat offenbar in diesem merkwürdigen 
Bilde nach allen Seiten des Guten zu viel gethan. 
Die Grösse des ausgezeichneten Mannes beruht nicht auf seinen 
Gemälden, obwohl er auch hierin nicht unwürdig sich den grossen 
Meistern der Zeit anzuschliessen suchte, sondern in seinen Bauten. 
Dass er einer der edelsten und bedeutendsten Architekten jener grossen 
Epoche war, zeigt seine Farnesina und nicht minder der in seinen 
letzten Lebensjahren ausgeführte herrliche Pal. Massimi. Nach RafaePs 
Tode wurde er mit dem grössten Monumentalbau der Renaissance be- 
traut, indem. der Papst ihn zum obersten Werkmeister von S. Peter 
ernannte. Als 1527 das Verhängniss über Rom hereinbrach, fiel er 
der spanischen Soldateska in die Hände und wurde schwer geplagt, 
da man ihn. wegen seines feinen, vornehmen Wesens für einen hoch- 
stehenden Prälaten hielt und ihm ein hohes Lösegeld abforderte. Als 
er endlich frei gelassen wurde, erlitt er auf der Heimreise durch zucht- 
lose Banden eine abermalige Plünderung, so dass er kaum nothdürftig 
bekleidet in Siena eintraf. Seine Landsleute empfingen ihren berühm- 
ten Mitbürger mit hoher Auszeichnung, setzten ihm sofort einen hohen
        

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