Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270849
der Malerei. 
Idealität 
unberührt von der italienischen Kunst, die germanische Geistesart am 
schärfsten und am höchsten ausgeprägt hat. Man kann keinen 
grösseren Gegensatz denken als den zwischen Dürer und den Meistern 
der italienischen Kunst. Der gewaltige Nürnberger Meister beharrt 
unentwegt bei dem volksthümlichen Naturalismus des 15. Jahrhunderts. 
Er schenkt uns nichts von dem Knorrigen, Derben, selbst Verzwickten 
und Unschönen seiner heimischen Umgebungen in Menschen und Zu- 
ständen; aber er erreicht dadurch eine fundamentale Tiefe der Charak- 
teristik und eine erschütternde Gewalt der Seelenschildeirung, die um 
so mächtiger wirkt, da sie sich um keine Schönheitslinie, um keine 
idealen Anforderungen kümmert. Im Gegensatz dazu tritt bei den 
Italienern eine Abdämpfung des Individuellen ein, welche der Tiefe 
der Charakteristik Abbruch thut und schnell zu einer typischen Ver- 
Hachung umschlagt. Freilich hält sie dafür schadlos durch den die 
Seele bestrickenden Wohllaut der Linien und die holde Anmuth der 
Geberden. So kam es , dass während Dürer in seiner ganzen Grösse 
doch die engen Schranken seiner Zeit und seines Volkes nicht zu 
überwinden vermochte, die Italiener durch die Verschmelzung des 
christlichen Inhalts mit einer aus der Antike wiedergebornen Schönheit 
ihrer Kunst eine klassische Vollendung gaben, deren Wirkung im 
Reinmenschlichen, über die engen Anschauungen einer Nation oder 
einer Zeit hinaus, für immer mustergültig sind. 
Aber im christlichen Anschauungskreise sollte die italienische 
Kunst nicht auschliesslich verharren. Weit stärker-als je zuvor wirkt 
die antike Fabelwelt auf sie ein, und begeistert sie zu einer Fülle 
eigenartiger Schöpfungen. Wenn solche mythologische Darstellungen 
im 15. Jahrhundert mehr vereinzelt auftreten und meistens jene naive 
Vermischung des Klassischen und Romantischen aufweisen, die zu 
einer bunten märchenhaften Phantastik führt, so gewinnt auch auf 
diesem Gebiet die italienische Kunst jetzt jene Läuterung der Form, die 
sie mit den klassischen Schöpfungen der Antike wetteifern lässt. Und 
doch ist zugleich in ihren edelsten Werken eine Solche Fülle eigener 
Empfindung und freier Gestaltung, dass dieselben fern von aller 
sklavischen Abhängigkeit wie aus congenialer Schöpferkraft hervor- 
gewachsen scheinen. Rafaels Galatea und seine Psychebilder sind die 
vollkommensten Beispiele solcher freien Gestaltungen, um so höher 
anzusehlagen, da in der Literatur der Zeit das sklavische Nachbeten 
des klassischen Alterthums eine so grosse und so verhängnissvolle 
Rolle spielt. Ünd noch eins muss von dieser Gattung gesagt werden.
        

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