Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1274847
400 
Buch. 
Kapitel. 
Sienesen. 
ehemals in S. Francesco, jetzt in der Akademie. Hier hat er mit 
Anstrengung seine volle Kraft eingesetzt und in klarer Anordnung diese 
schwierige Aufgabe vortrefflich gelöst. Dieauf Leitern stehenden 
Männer lassen sorglich mit Tüchern den Leichnam herab, der von 
Johannes mit schmerzvoll edlem Aufblick entgegen genommen wird. 
Ihm gegenüber bildet Magdalena mit den beiden anderen Frauen eine 
grossartig componirte Gruppe. Besonders diese Gestalten sind voll 
Adel, die Bewegungen und Gewänder stilvoll durchgebildet. Die Malerei 
war ehemals klar und flüssig, der Ton warm und harmonisch. Eine 
poetisch empfundene Landschaft bildet den Hintergrund. Die Predella 
enthält fünf kleine Scenen aus der Leidensgeschichte. Das Werk ver- 
räth in der sorgfältigen Durchbildung und in den theils an Lionardo, 
theils an Perugino erinnernden Typen die damalige Richtung des Künst- 
lers. Er hat nie wieder so gediegen gearbeitet und so schön componirt. 
Üm das Jahr 1507 wurde Bazzi durch Agostino Ghigi nach Rom 
berufen, wo er bald von Julius II. den Auftrag erhielt, in den Stanzen 
des Vatikans zu malen. Von diesen Werken, die bald darauf durch 
RafaeYs Schöpfungen verdrängt werden sollten, ist nur Weniges er- 
halten, dies Wenige aber verräth eine an Pinturicchids Vorbildern ge- 
reifte Kunst heiter prächtiger Dekoration. Es ist die Decke in der 
Stanza della Segnatura, deren ganze Eintheilung und Ausstattung offen- 
bar Rafael so wohl gefiel, dass er sie, mit Ausnahme der Hauptbilder, 
die in den übrigen Gedankengang nicht passten, beibehielt. Und man 
wird ohne Zweifel dies Werk sogar den übrigen Decken in den Stanzen 
an Reichthum und Reiz der Wirkung überlegen finden. Aehnlich den 
Decken Pinturicchids in der Libreria zu Siena und in S. Maria del 
popolo hat Sodoma das Gewölbe abwechselnd in Felder mit grau in 
grau gemalten und in solche mit farbig auf Goldgrund ausgeführten 
Darstellungen getheilt. Erstere enthalten Kriegsscenen, die sich wahr- 
scheinlich auf Cäsar beziehen und bei welchen das Studium antiker 
Reliefs deutlich sich verräth. Die farbigen Bilder dagegen sind der 
Verherrlichung der Venus gewidmet, wahrscheinlich ebenfalls mit Be- 
ziehung auf Cäsar, da das Julische Geschlecht bekanntlich seine Ab- 
stammung von der Liebesgöttin herleitete. Im mittleren achteckigen 
Felde endlich machte der Künstler nach dem Vorgange Mel0zzo's da 
Forli und Mantegna's kühnen Gebrauch von der Perspektive des Sotto 
in sü, indem er uns scheinbar in eine Oeffnung blicken lässt, welche 
mit äusserst natürlichen, das päpstliche Wappen haltenden nackten 
Grenien auf's reizendste angefüllt ist. Vasari, der Sodoma freilich sehr
        

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