Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270837
Buch, 
I. Kapitel. 
Die Kunst der ital. 
Hochrenaissance. 
musste doch derselbe mühvolle Entwicklungsgang innerhalb der strengen 
zünftischen Gliederung durchgemacht werden, und das unablässige 
Ringen nach der technischen Vollendung und wissenschaftlichen Be- 
gründung, Welches allein dem Kunstwerk seinen höchsten Werth ver- 
bürgte, gab dem Geiste ein hohes Ziel, das nur mit Anspannung aller 
Kräfte zu erreichen war. 
Obwohl nun schon im 15. Jahrhundert das Ideal der Künstler 
nicht mehr ein spezifisch religiöses war, sondern in erster Linie sich 
auf vollkommene Lebenswahrheit, Kraft und Mannichfaltigkeit der 
Charakteristik wendete, war es doch von grösster Bedeutung für das 
stete Fortschreiten der Kunst, dass ihr immer auf's Neue dieselben, 
durch eine geheiligte Tradition überlieferten Aufgaben, gestellt wurden. 
Sie brauchte nicht, wie die heutige Kunst, auf der Hetzjagd nach 
immer neuen Stoffen ihre beste Kraft zu erschöpfen, sondern sie theilte 
mit der griechischen Plastik in ihrer besten Zeit den beneidenswerthen 
Vorzug, an den Gestalten, welche in der Anschauung des gesammten 
Volkes als ideale Traumgebilde lebten, fortbildend und umgestaltcnd 
ihre geschlossene Kraft bethätigen zu können. So entstanden ein 
Zeus und eine Athena des Phidias, eine Hera des Polyklet, so ent- 
standen die Madonnen eines Lionardo, Rafael und Fra Bartolommeo. 
Aber die Malerei begnügte sich nicht mehr im Sinne des 15. Jahr- 
hunderts, das einfach Natürliche und Wirkliche in diesen Gebilden zu 
erreichen, sondern sie schöpfte aus den Meisterwerken der antiken 
Plastik und mehr noch aus dem eignen ailfs Höchste gesteigerten 
Schönheitsgefühl den Trieb, über das Alltägliche wieder zu Gestalten 
höchster Schönheit und Idealität durchzudringen. Hier ist es denn 
auch, wo die Lauterkeit der sittlichen Empfindung; sich glänzend offen- 
bart, denn wer würde bei jenen Madonnen der edelsten Meister, oder 
bei den hoheitvollen Frauenbildern eines Lionardo vermuthen, dass sie 
in derselben Zeit und in demselben Volke entstanden sind, dessen 
Dichter in erdrückender Mehrzahl -vom weiblichen Geschlecht die 
schlimmsten Vorstellungen in naiver Schamlosigkeit aussprechen. Was 
die italienische Malerei damals Hohes geschaffen hat, gehört zu den 
köstlichsten Gütern der Menschheit, und der Werth desselben wird 
nicht geschmälert durch die Wahrnehmung, dass allerdings dieser hohe 
Idealstil nach kurzer Blüthe bald in eine leere convcntionelle Form 
sich verllüchtigte. 
In diesem Sinne dürfen wir Wohl einen vergleichenden Seitenblick 
auf den grossen deutschen Meister werfen, der um dieselbe Zeit, fast
        

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