Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1274275
alte Stelle eine Kopie von Nogari trat. Unter allen Schöpfungen Ra- 
iaePs ist dies Wunderwerk wohl diejenige, welche sich der höchsten 
Popularität erfreut. Durch zahllose Nachbildungen, unter welchen die 
Stiche von Müller, Steinla-Büchel, Keller den ersten Rang behaupten, 
lebt sie im Bewusstsein von Tausenden. Sie spricht eben so innig das 
schlichte religiöse Gefühl an, wie sie die höchsten Anforderungen des 
Kunstverstandes erfüllt. Wie eine Vision tritt die herrliche Gestalt, 
auf Wolken schwebend, von einer Schaar aus dem Aether auftauchender 
Engelköpfchen umringt, vor uns hin. Mächtig umwallt die grossen 
Formen der blaue Mantel, und ein hellbrauner Schleier breitet sich 
vom Kopf über die linke Schulter aus wie von himmlischem Lufthauch 
erfüllt, um der Gestalt noch mehr Grossartigkeit zu geben. Der schöne 
Kopf mit den räthselvoll dunklen Augen, der mit der Magdalena des 
Cäcilienbildes an die Donna velata erinnert, blickt wie fragend hinaus; 
auf den Armen aber trägt sie leicht schwebend in wonnigfreier Lage 
den Christusknaben, aber mehr wie ein anvertrautes Gut, dem sie selbst 
fast scheue Verehrung weiht. Zu ihren Füssen knieen in Anbetung 
links die h. Barbara, die den bezaubernd lieblichen Kopf wie geblendet 
niedersenkt, während ihr gegenüber die ehrwürdige Gestalt des h. Sixtus 
in prachtvoller päpstlicher Dalmatika vertrauensvoll und wie fragend 
empßrblißkt- ES iSt aber bezeichnend für die unnahbare Feierlichkeit 
der Erscheinung, dass weder die Madonna, noch ihr wunderbarer Knabe 
sich zu den Verehrenden Wendet; so ist die Kunst auf ihrer letzten 
Höhe wieder am Ausgangspunkt angelangt und schafft mit der Fülle 
ihrer Mittel aus dem Geiste eines der grössten Meister ein Andachts- 
bild, das dem alten kirchlichen Begriff eine neue Gestalt verleiht. In 
diesem Sinne wurde von Phidias gesagt, dass er in seinem olympischen 
Zeus den Gott selbst verkörpert und der Religion ein neues Moment 
hinzugefügt habe. Endlich führen die beiden köstlichen Engelknaben 
auf der Brüstung uns in das naive Kinderleben zurück. Das Werk ist 
auch koloristisch eine der vollendetsten Schöpfungen Rafaefs. Aus dem 
blauen Gewande der Madonna, dem Goldbrokatmantel des Papstes und 
dem grünen Kleide der h. Barbara bildet sich der Hauptaccord, in 
welchen alle übrigen Töne mit den feinsten Uebergangen hinein- 
gestimmt sind. Der grüne Vorhang, der auf beiden Seiten zurück- 
geschlagen ist, lässt den goldigen Aether, der die Gestalten umßjesst, 
noch duftiger erscheinen und die ganze malerische Ausführung, hier 
allein von RafaeYs Hand, ist von einer Leichtigkeit und durchsichtigen 
Klarheit der Pinsßlführllng, dass das Werk wie eine Vision erscheint.
        

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