Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1274249
840 
Buch. 
Kapitel. 
Rafael 
Leo 
unter 
seiner Kardinäle vor. (Fig. 82.) Die weichlichen unschönen Formen 
des gedunsenen Gesichtes boten der Auffassung gewiss grosse Schwierig- 
keiten, und doch hat Rafael durch die geistreiche Behandlung einen 
vornehmen Zug hineingebracht, der besonders durch die aristokratischen 
Gesichter der beiden neben dem Papst stehenden Prälaten sich zu 
historischer Bedeutsamkeit steigert. Hinter seinem Sessel steht der 
Kardinal de' Rossi, ein besonders bevorzugter Schwestersohn des Papstes, 
mit den Händen die Lehne des Sessels haltend; links dagegen der 
Kardinal Giulio de' Medici, nachmals Clemens VII. Nach den Be- 
richten der Zeitgenossen über die Gestalt Leo's, hat Rafael sein Mög- 
lichstes gethan, die schwerfällig unschöne Erscheinung zu mildern; 
dennoch ist das fette stark geröthete Gesicht mit den grossen blöden, 
kurzsichtigen Augen kein erfreulicher Anblick. Ungemein lebensvoll 
bewegt sind die Hände, meisterlich die pompös bauschenden Stoffe, 
namentlich das weisse Damastgewand gemalt, und doch so diskret, dass 
es sich nicht besonders verdrängt. Auch das Beiwerk, die Glocke auf 
dem Tische, das Gebetbuch mit Miniaturen und das Vergrösserungsglas, 
welches der Papst in der Hand "hält, ist vortrefflich gemalt, und das 
Ganze durch leuchtende Tiefe und strenge Gluth der Farbe, sowie 
lFeinheit des Helldunkels von einer an die Venezianer erinnernden 
Pracht. Das Bild darf aus äusseren und inneren Gründen um 1518 
angesetzt werden. Von der durch Andrea del Sarto angefertigten 
Kopie war oben S. 202 die Rede. 
Auch den schon 1516 verstorbenen jüngsten Bruder des Papstes, 
Giuliano de' Medici, hat Rafael wie wir wissen gemalt, aber das in den 
Uffizien befindliche Porträt kann nur als Kopie gelten. Dagegen ist 
vor einiger Zeit ein Bildniss in die Sammlung der Grossfürstin Marie 
von Russland übergegangen, in welchem man das Original dieses Bildes 
erkennen will. Derselben früheren Zeit gehört endlich das Doppel- 
porträt der beiden venezianischen Gelehrten Navagero und Beazzano, 
welches Rafael für Pietro Bembo malte. Letzterer berichtet einmal in 
einem Briefe vom 3. April 1516 an Bibbiena, dass er am folgenden 
Tage mit den beiden Venezianern, dem Grafen Üastiglione und mit 
Rafael eine Fahrt nach Tivoli vorhabe. In diesen Zeitraum fällt offen- 
bar das Gemälde, von welchem die Galerie Doria in Rom, wenn nicht 
das Original, so doch eine gute alte Kopie besitzt. Jedenfalls sind die 
beiden charaktervollen Gestalten von grossartiger Kraft und ächt histo- 
risehem Leben und, wie die meisten dieser Werke RafaePs, von einer 
an die Venezianer erinnernden einfachen Macht koloristischer Behandlung.
        

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