Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1274223
338 
Buch. 
III. 
VII. 
Kapitel. 
Rafael unter Leo X. 
geben wollte. Der Künstler zeichnet treffend das kluge etwas verlebte 
Gesicht mit dem lauernden Seitenblick und dem verstohlenen Lächeln, 
das leise im linken Mundwinkel zuckt. Es ist ein verschlagener Priester- 
diplomat, dabei doch mit der vornehmen Reserve des römischen Curialen. 
Eine der mageren aristokratischen Hände legt er auf die Armlehne 
seines Sessels, die andere hält einen Brief. Das warme Kolorit erreicht 
besonders im Kopf jene Weichheit, welche an die Venezianer erinnert 
und den Beweis liefert, dass Rafael mit Aufmerksamkeit Sebastian del 
Piombds Bildnisse studirt hat. Das rothe Barett, die weissen Aermel, 
der rothe Kragen sind trefflich gemalt, ohne zu starke Betonung des 
Stofflichen. Das Bild ist gleich dem vorigen um 1516 entstanden. Ob 
er um dieselbe Zeit auch den Pietro Bembo malte, von dem er schon 
früher am Hofe zu Urbino ein Bildniss in schwarzer Kreide gezeichnet 
hatte, ist fraglich. Allerdings berichtet Bembo am 19. April 1516 an 
den Kardinal Bibbiena über die Porträts, welche Rafael von Tebaldeo, 
Castiglione und dem Herzog Giuliano de' Medici gemalt habe, und 
von denen er dem des ersteren den Preis ertheilt. "Ich beneide Te- 
baldeo sehr, setzt er hinzu, und denke mich eines Tages auch malen 
zu lassen." Ist das hochberühmte Porträt des Dichters Tebaldeo ver- 
schollen, so besitzen wir dagegen das meisterliche Bildniss eines andern 
bedeutenden Mannes aus diesem Kreise, in dem Porträt Inghiramfs in 
der Galerie Pitti. Tommaso Inghirami aus Volterra, einer der aus- 
gezeichneten Gelehrten jener Zeit, war schon unter Alexander VI. an 
den römischen Hof gekommen, der ihn an Kaiser Maximilian sandte, 
wo er nach der Sitte der Zeit feierlich zum Dichter gekrönt wurde. 
Als er einst in einer Aufführung von Senecafs Hippolytus die Phaedra 
spielte, und eine Stockung durch einen Fehler der Maschinerie eintrat, 
wusste er die Zuschauer durch improvisirte lateinische Verse so zu 
entzücken, dass er seitdem in Freundeskreisen den Zunamen Phaedra 
erhielt. Unter Julius II. zum Bischof von Ragusa ernannt, bekleidete 
er am päpstlichen Hofe die Stelle eines Geheimschreibers und Biblio- 
thekars. Als solchen hat Rafael ihn, wohl im Anfang der Regierung 
Leo's X., porträtirt. Es ist ein dicker unschöner Herr, dessen feistes 
Gesicht ausserdem durch das Schielen des rechten Auges an Schönheit 
keineswegs gewinnt. Ohne dies zu verheimlichen, hat Rafael in geist- 
voller Weise dem Beschauer über diesen Fehler gleichsam hinweggehol- 
fen, indem er den Gelehrten am Schreibtisch sitzend und emporblickend 
darstellt, als ob er in stiller Sammlung einen Gedanken zu formen 
suche. Von den rundlich fetten Händen hält die eine die Feder,
        

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