Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273848
302 
Buch. 
VII. 
Kapitel. 
Rafael 
unter 
Leo 
gesteigerte Kraft eines Einzelnen zu übersteigen scheint, und dass die 
schildernde Erzählung in schwerfälligem Nacheinander allen den zu 
gleicher Zeit nebeneinander durchgeführten Unternehmungen kaum zu 
folgen vermag. 
Wir beginnen mit dem dritten Zimmer des Vatikans, dessen Aus- 
führung sich unmittelbar dem vorhergehenden anschloss. Rafael wurde 
veranlasst, bei den geschichtlichen Darstellungen derselben deutlicher 
als vorher die Beziehungen zum regierenden Papste zu markiren, und 
so entstand ein Gemaldeschmuck, der zwar das einmal angeschlagene 
Thema vom göttlichen Schutz, der über der Kirche waltet, weiter 
variirt, aber einen strengeren Zusammenhang noch mehr als in der 
zweiten Stanze vermissen lasst. Nach dem vorzüglichsten der darin 
enthaltenen Gemälde heisst dieses Zimmer Stanza dell' Incendio. 
Die Ausmalung des Zimmers, welche wie die des vorhergehenden mit 
1'200 Golddukaten belohnt wurde, dauerte bis 1517. S0 sehr war aber 
der Meister mit anderen Arbeiten überhäuft, dass er die Ausführung 
ganz in die Hände seiner inzwischen tüchtig herangebildeten Schüler 
legen musste, und wenn er die Compositionon bis auf die Naturstudieu 
für die einzelnen Gestalten auch mit höchster Sorgfalt vorbereitete, so 
ging doch unter fremden Händen nothwendig viel von dieser Unmittel- 
barkeit verloren. 
 Der Brand im Borgo  um von diesem bedeutendsten Bilde 
zuerst zu sprechen  bezieht sich auf ein Ereigniss aus der Regierungs- 
zeit Leo's IV, der einen im päpstlichen Viertel ausgebrochenen Brand 
durch das Zeichen des Kreuzes gelöscht haben soll. Der Künstler führt 
uns in eine enge Strasse, die auf beiden Seiten von den Trümmern 
antiker Prachtgebäude eingefasst ist. (Fig. 72.) Die Feuersbrunst hat 
schon stark um sich gegriffen, denn zur Rechten und Linken schlagen 
Flammen untermischt mit Rauchwolken aus dem Innern der Gebäude 
hervor und treiben ein wirres Gewimmel von Fliehenden, besonders 
von Frauen und Kindern auf die Strasse. Rechts sieht man vor einer 
ionischen Säulenhalle eine Treppe herabführen, auf welcher ein jüngerer 
und ein älterer Mann mit dem Löschen des Feuers beschäftigt sind, 
während von unten her ein Mädchen sich auf den Zehen aufrichtend, 
ihnen Gefässe mit WVasser zureicht. Ganz herrlich ist vorn eine junge 
Frau, die eilends einige Stufen herabsteigt, einen Wasserkrug auf dem 
Haupte, einen andern in der linken Hand tragend, um sich an dem 
Rettungswerk zu betheiligen. Der Sturm wühlt in ihren Gewändern 
und lässt die schwellenden Formen des Körpers um so schöner hervor-
        

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