Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273793
Befreiung. 
Petri 
297 
oben über dem Fenster sieht man den Kerker, hinter dessen Gitter 
der Apostel in Schlummer versunken ruht, an Händen und Füssen 
mit Ketten gefesselt. Die beiden Wächter, die sich vom Schlaf über- 
mannt, an die Wand lehnen, bemerken nicht, wie die Lichtgestalt 
eines Engels, von Strahlenglanz umilossen, sich über den Schlummernden 
neigt, um ihn aufzuwecken. Diese Scene ist in ihrer Einfachheit-von 
ergreifender Wahrheit und durch die magische Beleuchtung von wun- 
dergleicher Wirkung. An der rechten Seite sieht man nun, wie der 
von einer Lichtaureole umstrahlte Engel den staunenden Apostel an 
der Hand gefasst hält, um ihn aus dem Kerker zu geleiten und sorg- 
lich durch die beiden auf den Stufen vor dem Kerker in tiefsten Schlaf 
versunkenen Wächter in's Freie zu führen. Auch hier ist Alles so 
fesselnd erzählt, dass der Zuschauer fast in athemlose Spannung ver- 
setzt wird. Auf der linken Seite sieht man ebenfalls zwei Wächter 
auf den Stufen ausgestreckt; aber ein dritter, der eben mit einer  
Fackel herbeieilt, weckt den einen auf, indem er nach dem Kerker 
hinweist, zum Zeichen, dass das ungewöhnliche Ereigniss von ihm be- 
merkt worden ist. Der betroffene Ausdruck und die erstaunten Be- 
wegungen des aufgeschreckten Schläfers, im Gegensatz zu der noch 
ungestörten Ruhe seines schlummernden Gefährten und dem unruhigen 
Auffahren eines vierten, der im Hintergrunde sichtbar wird und sich 
gegen das blendende Licht der Fackel mit vorgehaltenem Arm zu 
schützen sucht, alles das ist von erstaunlicher Wahrheit momentanen 
Geschehens, Die Mondessichel, halb von Wolken verdeckt, giesst ihren 
milden Schein über die Scene, in Wirksamem Contrast mit den scharfen 
Lichtern, welche die Fackel auf die Rüstungen der Wächter wirft. 
Es ist wohl das erste Beispiel solcher künstlichen Beleuchtungseffekte 
im Bereich monumentaler Malerei, zugleich ein hoher Beweis von der 
Meisterschaft, mit welcher Rafael die Freskotechnik beherrschte und 
von der koloristisehen Vollendung", zu der er sich aufgeschwungen hatte. 
Um so höher steht diese Wirkung, da sie nicht um ihrer selbst willen 
erstrebt ist, sondern nur um die im_ Stoff liegenden Bedingungen mit 
voller malerischer Freiheit zum Ausdruck zu bringen. Man kann daher 
sagen, dass dieses Bild den benachbarten in seiner Weise ebenbürtig ist. 
In der Wahl der Gegenstände dieses Zimmers spielten die Be- 
ziehungen auf zeitgeschichtliche Vorgänge eine grosse Rolle. Heli0d0r's 
Züchtigung sollte an die Vertreibung der Feinde aus dem Kirchenstaat, 
die Messe von Bolsena an die vermeintliche Besiegung der Irrlehren 
zu Anfang des 16. Jahrhunderts, Attila's Zurückweisung an die Ver-
        

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