Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273730
Messe 
VOYI 
Bolsena. 
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l 
die ausseren Feinde der Kirche dargestellt, so sollte hier der Sieg der 
Kirche unter göttlichem Beistand über ihre inneren Feinde verherrlicht 
Werden. Was Rafael aus diesem spröden Gegenstande gemacht, ist 
ein wahres Wunderwerk der Kunst. Schon die Besiegung der räum- 
lichen Schwierigkeiten zeigt den grossen Meister, der aus äusseren 
Hemmnissen für sein Werk neue Schönheiten zu gewinnen weiss. Das 
Fenster nämlich ist nicht in der Mitte der Wand angebracht, sondern 
stark nach links gerückt. Rafael weiss uns über diesen Mangel an 
Symmetrie hinwegzuheben, indem er die Treppe, welche von beiden 
Seiten zur Höhe des Fenstergesimses hinaufführt, an der rechten Seite 
um so viel verbreitert, dass die Symmetrie hergestellt wird. Er ge- 
winnt somit für die Hauptscene einen erhöhten Mitteh-aum, der ähn- 
lich dem Chor einer Kirche von einer Balustrade abgeschlossen wird. 
Darüber hinweg fällt unser Blick in die edlen Bogenhallen eines Re- 
naissancetempels. In der Mitte ist der Altartisch errichtet, vor wel- 
chem der Priester im rcichen Messornat stehend eben das Wunder 
erlebt. Mit feinem Maass hat der Künstler in seiner Gestalt Staunen 
und fromme Scheu ausgedrückt. Während hinter ihm Chorknaben 
mit brennenden Kerzen der heiligen Handlung assistiren und, über die 
Balustrade gelehnt, zwei Zuschauer in lebhafter Spannung Theil neh- 
men, ist das auf den Stufen nachdrängende Volk heftiger von dem 
Wunder ergriffen und giebt seiner Begeisterung in mannichfachen, fast 
stürmischen Bewegungen Ausdruck. Dagegen haben die im Vorder- 
grund mit ihren Kindern am Boden hockenden Frauen das Ereigniss 
noch nicht bemerkt und stellen in ihrem ruhigen Verhalten einen 
schönen Gegensatz zu den Uebrigen dar. 
Wenden wir uns nun zur andern Seite, so fällt vor Allem die 
dem Priester gegenüber vor seinem Betpult knieende Gestalt des 
Papstes auf. Rafael hat ihm die wohlbekannten Züge Julius des Zweiten 
gegeben. In ruhigem Gebet knieend, blickt er ohne äusseres Zeichen 
der Bewegung auf den Vorgang. In ihm spiegelt sich die über allen 
Zweifel erhabene, des göttlichen Schutzes gewisse Sicherheit der Kirche, 
der Selbst ein Wunder nichts Wunderbares ist. Mit welch feiner 
Berechnung hat Rafael diese Gestalt isolirt, während er auf der andern 
Seite in den dienenden Chorknaben und den Zuschauern das Ereigniss 
sich reicher entwickeln lässt. Unten an den Treppenstufen ordnete er 
zwei Kardinäle und zwei Geistliche als Gefolge des Papstes, die in 
ihrem vornehmen Gleichmuth die Stimmung dieser Seite im Gegensatz 
zu dem bewegten Volksgewühl gegenüber noch nachdrücklicher be-
        

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