Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273666
290 
Buch. 
Kapitel 
B afael 
Julius 
unter 
Wir kehren nun zu den monumentalen Arbeiten im Vatikan zu- 
rück, wo Rafael in den Jahren 1511 bis 1514 das zweite Zimmer, die 
sogenannte Stanza d'Eliodoro ausführte. Hier tritt plötzlich ein 
scharfer Wendepunkt in seiner Entwicklung hervor. Hatte er in der 
Stanza della Segnatura die geistigen Mächte des Lebens in einem 
ruhigen, nur leise bewegten Zusammensein bedeutender Gestalten ge- 
schildert, so ward ihm nun eine Aufgabe geboten, die ihn mitten in 
das Reich des historisch Dramatischen führte. Der Gedankengang ist 
hier: die Kirche unter dem mächtigen Schutze Gottes darzustellen. 
Ob vielleicht ursprünglich der Gedanke nahe gelegt wurde, Zeitereig- 
nisse in realistisch historischer Darstellung vorzuführen, Wissen wir 
nicht; wir sehen nur, dass die Stimmung der Auftraggeber ideal genug 
war, um Rafael nichts zuzumuthen, was gegen seine künstlerischen 
Ueberzeugungen gewesen wäre. Wie die Griechen, als sie ihre Siege 
über die Perser künstlerisch zu verherrlichen sich ansehickten, die 
Ereignisse der Gegenwart sich im Spiegel des Mythos und der Sage 
retlektiren liessen, so suchte auch die rafaelische Zeit durch Zurück- 
greifen in eine sagenhafte Vorzeit das, was die Gegenwart bewegte, 
künstlerisch zu verklären. S0 entstanden die vier grossen Wandbilder 
dieses Zimmers, indem man zeitlich Weit auseinander liegende Themata 
verband, die indess durch den gemeinsamen zu Grunde liegenden Ge- 
danken geeint und durch die höchste künstlerische Kraft in lebendige 
Wirklichkeit übertragen wurden. 
Das erste dieser Bilder, nach welchem das Zimmer den Namen 
führt, schildert nach dem zweiten Buch der Makkabäei- (II. 23) die 
Vertreibung des syrischen Feldherrn Heliodor aus dem Tempel von 
Jerusalem. (Fig. 69.) Schon hat der freche Tempelräuber sich der 
Schätze bemächtigt und ist mit seinen reichbeladenen Begleitern im 
Begriff, den geweihten Ort zu verlassen; da sprengt auf feurigem Ross 
ein goldgepanzertel" himmlischer Reiter herbei, begleitet von zwei Jüng- 
lingen, die wie im Fluge kaum den Boden berühren und in den Händen 
Greisseln schwingen. Der plötzliche Anprall hat den Tempelschänder 
zu Boden geworfen, dass diegoldene Urne mit den geraubten Schätzen 
seiner Hand entsinkt. Vergeblich sucht er sich mit der Linken auf- 
zustützen und mit dem in der Rechten hochgehobenen Speer gegen 
den furchtbaren Reiter zu schützen. Wir sehen, dass er im nächsten 
Augenblick, von den Rosseshufen zermalmt, unrettbar dem Verderben 
erliegen wird. Diese Gruppe, welche die Hauptmomente des Drama's 
so klar schildert und das Vorher wie das Nachher mit wunderbarer
        

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