Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273489
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Buch. 
Kapitel. 
unter 
Rafael 
Julius 
geordnete Gruppe zu betrachten. Hier hat ein Jüngling auf ein Säulen- 
postament ein aufgeschlagenes Buch gestellt, in Welchem er aufmerksam 
zu lesen scheint. Ein Alter mit einem Kind auf dem Arme drängt sich 
heran, ein anderer junger Mann umfasst die Schulter des Lesenden und 
blickt in sein Buch, während neben ihm noch ein Knabenkopf hervorschaut. 
Wenn Etwas die Bewunderung des rafaelischen Genius noch 
steigern kann, so ist es neben der geisterfüllten Schönheit, der lebens- 
vollen Charakteristik, der unerschöpflichen Mannichfaltigkeit der Ge- 
stalten die unvergleichliche Kunst, mit welcher er verstanden hat, diese 
unabsehbare Fülle markigen Lebens so zu gruppiren und zu gliedern, 
dass das Auge immer wieder zu den beiden Hauptgestalten im Mittel- 
grunde der Halle als zum dominirenden Centrum des Ganzen zurück- 
kehren muss. Soviel Herrliches von würdevollen Greisen, ernsten 
Männern, blühenden Jünglingen über das Ganze ausgetheilt ist, so 
ruht doch der geistige Schwerpunkt in diesen beiden unvergleichlichen 
Gestalten. Dies ist hauptsächlich dadurch erreicht, dass der ganze 
Plan vor ihnen frei geblieben, und nur durch die Einzelgestalten des 
Diogenes und Herakleitos die sonst leicht empfindlich gewordene Leere 
aufs Glücklichste ausgefüllt worden ist. Gewiss haben die Zeitgenossen, 
denen eine bestimmtere Tradition über das Einzelne zu Gebote stand, 
Manches noch feiner geniesen können als es uns möglich ist; indessen 
hat Rafael dafür gesorgt, dass selbst wenn alle Namen in Vergessen- 
heit geriethen, die geistvolle Charakteristik, welche jede Gestalt beseelt, 
seinem Werke die höchste Bedeutung sichern würde. 
Von Studienblattern haben wir hier nur Einzelnes zu verzeichnen: 
Für die Gruppe des Pythagoras in der Albertina (Br. 172), für die 
Gruppe der Geometer eine herrliche Silberstiftzeichnung auf grünem 
Papier in Oxford, für den Diogenes eine Zeichnung in Frankfurt, für 
den hinaufschreitenden Jüngling und den Mann neben ihm ein Blatt 
in Oxford, endlich ebendort (Br. 33) eine Rothstiftzeichnung für das 
Relief der kämpfenden Männer unter dem Apoll, und für das Relief 
unter der Minerva eine Skizze in den Ufiizien (Br. 5.13). Das Kost- 
barste aber ist der herrliche Karton zu dem ganzen Bilde in der Am- 
brosiana zu Mailand, der um so werthvoller ist, als das Gemälde selbst 
durch Restaurationen schwer gelitten hat. Merkwürdig ist, dass die 
Figur des Herakleitos auf dem Karton fehlt, wie denn auch die Ge- 
stalten RafaeFs und Peruginds darauf nicht vorkommen. Wie wichtig 
für die festliche Stimmung des Ganzen die architektonische Umgebung 
ist, erkennt man ebenfalls aus dem Karton, wo dieselbe fehlt.
        

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