Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273459
Die Menge von Gestalten, welche wie ein Areopag erlauchter Geister 
diese Hallen füllen, hat den Scharfsinn der Erklärung herausgefordert 
und die mannichfachsten Deutungen gefunden. Wir dürfen aber nicht aus 
unserer heutigen Erkenntniss der griechischen Philosophie die Erklärung 
versuchen, müssen dieselbe vielmehr aus den Anschauungen der Renaise 
sance-Epoche ableiten. Die Schriften des Marsilius Ficinus sind dafür als 
die wichtigste Quelle zu betrachten. Aber auch so dürfen wir nicht 
annehmen, Alles im Sinne jener Zeit genau bezeichnen zu können. 
Am wichtigsten ist, dass über die Hauptsachen kein Zweifel aufkommen 
kann. Wir erblicken in der Mitte der oberen Halle, zu welcher meh- 
rere Stufen hinaufführen, die Häupter der griechischen Philosophie, 
Plato und Aristoteles, von einem Kreise ehrfurchtsvoll lauschender 
Jünglinge, Männer und Greise umringt. In feierlicher Spannung folgt 
Alles den Reden der beiden Häupter, welche zu disputiren scheinen. 
Aristoteles, eine edle Mannesgestalt in der Vollkraft der Jahre, die 
schlanke Gestalt in einen reich drapirten Mantel gehüllt, hält mit der 
Linken seine Ethik gegen den Schenkel gestützt und weist mit der 
Rechten gebieterisch auf die Welt der Erscheinungen. Mit welch geist- 
reicher Prägnanz ist dadurch jene Philosophie bezeichnet, welche von 
der Beobachtung des Einzelnen ausgeht und durch Induction zu den 
Gesetzen des Weltalls aufzusteigen sucht! Im Gegensatze zu ihm weist 
die ehrwürdige Greisengestalt Platons, der in der Linken seinen Timaeus 
hält, wie feierlich betheuernd nach oben, hinauf zu Gott, zu dem Quell 
alles Seins, wo er die unsterblichen Ideen erkennt, aus welchen seine 
Philosophie Alles ableitet. Nie sind die beiden grossen geistigen Prin- 
zipien, welche alles Erkennen beherrschen, in so überzeugender Weise 
von der höchsten Kunst verkörpert worden wie hier.  
Neben dieser Alles beherrschenden Mittelgruppe des Bildes sieht 
man auf derselben obersten Stufe zur Linken eine Gruppe, in Welcher 
der an seinem Kahlkopf und seiner Stumpfnase leicht zu erkennende 
Sokrates als Lehrer lebhaft demonstrirend den Mittelpunkt bildet. Um 
ihn schaaren sich allerlei Leute, schöne Jünglinge, darunter die Helden- 
gestalt des Alcibiades im Panzer und Helm, und einfache Männer aus 
dem Volke. Ein Alter links winkt Mehreren, die von der Seite heran- 
eilen, darunter ein Jüngling mit einem Arm voll Schriften, lebhaft zu. 
Auf der rechten Seite sind mehr vereinzelte Gestalten angebracht, jede 
derselben aber von hoher malerischer Schönheit. Da sehen wir zu- 
nächst an einen Pfeiler gelehnt mit übergeschlagenen Beinen und in 
dieser unbequemen Stellung emsig schreibend einen Jüngling, und
        

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