Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273410
Parnass. 
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lettischen, während die dritte, schwungvoll bewegt, von der Macht der 
Töne herbeigezogen, eben heranschreitet. Die Maske in ihrer Hand 
scheint auf Melpomene zu deuten. Unvergleichlich hat Rafael schon 
in diesen Gestalten mit psychologischer Feinheit die verschiedenen 
Stimmungen von feuriger ErgriHenheit bis zu schwärmerischem Ver- 
sunkensein geschildert. Um aber auch hier die architektonische Sym- 
metrie in freies Leben aufzulösen, fügt er die herrliche Gestalt des 
blinden Sängers Homer hinzu, der mit feierlich gehobenem Gestus den 
rhythmischen Fall seiner Worte begleitet. Ihm lauschen Dante und 
Virgil und mit noch erregterer Spannung ein begeisterter Jüngling, 
der mit übergeschlagenen Knieen auf dem Felsen Platz genommen 
hat, um die Worte des Sängers aufzuzeichnen. 
Mit grossem Geschick hat Rafael neben dem Fenster eine tiefere 
Felsterrasse angeordnet, auf welcher im Vordergrunde die herrliche 
Gestalt der Sappho mit Lyra und Schriftrolle Platz genommen hat. 
Sie wendet sich zu einer prachtvollen Gruppe von vier lorbeergekrönten 
Dichtern, die in lebhafter Erörterung beisammen stehen. Man erkennt 
unter ihnen Petrarca, während die übrigen nicht mit Bestimmtheit 
nachzuweisen sind. Auf der anderen Fensterseite entspricht der Sappho 
die ebenfalls sitzende Gestalt des ehrwürdigen Pindar, der mit dem 
zu ihm heranschreitenden Horaz ein erregtes Gespräch beginnt, wäh- 
rend ein dritter hinter ihnen stehender Dichter den Zeigefinger nach- 
sinnend an die Lippen legt. Noch weitere fünf lorbeergeschmückte 
Gestalten füllen hier den Hintergrund, die nicht mit Bestimmtheit fest- 
zustellen sind. Wahrscheinlich schwebte Rafael eine Stelle im vierten 
Gesang von Petra.rca's Triumph Amors vor, wo freilich noch manche 
antike Dichter genannt Werden. Welche er davon. ausgewählt und Welche 
gleichzeitigen Dichter er etwa hinzugefügt hat, Wissen wir nicht. So 
ist das Ganze das köstlichste Bild erhöhter Daseinslust, edlen Lebens- 
genusses auf den sonnigen Höhen der Renaissancebildting, würdevoll 
und anmuthig zugleich, strahlend in rein menschlicher Schönheit, eine 
der feinsten Blüthen des italienischen Humanismus. Auch zu diesem 
YVerke hat sich eine Reihe von Studienblättern erhalten. Der erste 
Entwurf nach dem Nackten gezeichnet, befindet sich in einer Kopie zu 
Oxford (B:130); eine prächtige nackte Studie zum Apoll (der Arm mit 
der Geige wiederholt) in der Sammlung zu Lille (Br. 93), zu den beiden 
sitzenden Musen in der Albertina (Br. 169, 170), zum Dante ebendort 
eine treffliche Federzeichnung (Br. 182), zur Melpomene in Oxford, zu 
den Köpfen Homers, Virgil's und Dante's in Windsor (Nr. 6).
        

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