Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273384
266 
Buch. 
Kapitel. 
Rafael unter 
J ulius 
der Composition endgültig festgestellt, denen sich dann leicht alles 
Andere fügen mochte. Nachdem so das Ganze gesichert war (denn 
ohne Frage gab es für die rechte Seite des Bildes ähnliche Entwürfe, 
die uns nur nicht erhalten sind), wurden die Einzelheiten ebenso sorg- 
fältig nach der Natur studirt. Wir zahlen im Ganzen 24 noch vor- 
handene Studienblätter zur Disputa, welche den einzelnen Gestalten, 
Köpfen, Händen und Füssen, sowie Gewändern gewidmet sind. Wir 
blicken in das rastloseste, von göttlichem Schaffensdrang erfüllte Ar- 
beiten des Künstlers hinein. Zugleich aber lässt er uns ahnungslos ein 
süsses Liebesgeheimniss errathen, das ihn um jene Zeit beseeligt haben 
muss, denn nicht weniger als fünf glühende Sonette hat er auf ein- 
zelne Studienblätter hingeworfen. 
Bewegte sich in der Disputa Rafael auf dem Boden mittelalter- 
lich kirchlicher Anschauung, so führt er uns in dem zweiten, der Poesie 
gewidmeten Wandbilde auf die sonnigen Höhen der Renaissancezeit. 
Der P arnass, wie dies Bild _mit Recht genannt wird, erhielt seinen 
Platz an einer der durch ein Fenster durehbrochenen Aussenwande des 
Zimmers. Diese scheinbare Ungunst des Raumes wusste Rafael mit 
hoher Genialität so geschickt für die Composition zu verwerthen, dass 
jeder Zwang vergessen ist und Alles sich völlig frei gestaltet zu haben 
scheint (Fig. 62). Wir sehen in der Mitte die Höhe des Helicon, von 
welchem die Hippokrene herabrauscht. Auf wonnigem Rasensitze unter 
schlanken Lorbeerbaumen, von der Schaar der Musen umgeben, thront 
die Gestalt des sangeskundigen Gottes. Ein rother, auf den Schooss 
herabgesunkener Mantel lässt die edlen Formen des jugendlichen Körpers 
fast unverhüllt schauen. In naiver künstlerischer Freiheit hat Rafael 
ihm statt der antiken Lyra die moderne Geige gegeben und dadurch 
für die Gestalt eine schwungvollere Bewegung gewonnen. Neben ihm 
haben zwei von den Musen Platz genommen, die eine hält eine mäch- 
tige Tuba, die sie gegen den Schenkel stemmt; die andere, welche 
sich mit der Rechten auf den Rasen stützt und sich gegen Apoll 
wendet, um seinen Tönen zu lauschen, hat im einen Arm eine Lyra. 
Wir haben in ihr Wohl die Erato, in jener die Klio zu erkennen. Hinter 
Erato schliessen vier stehende Schwestern, darunter eine mit der Maske 
der Komödie, also Thalia, die Mittelgruppe ab. Die grossartigste 
unter ihnen wendet dem Beschauer den Rücken zu und zeigt den pracht- 
vollen Faltenwurf ihrer Gewänder. Auf der andern Seite waren nur 
noch drei Musen unterzubringen, von denen zwei sich innig an ein- 
ander anschmiegen und schwärmerisch träumend den süssen Tönen
        

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