Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273253
Grablegung. 
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Eine zweite Gruppe bildet sich rechts um die ohnmächtig zu- 
sammenbrechende Mutter des Herrn, welche eine neben ihr stehende 
Frau sanft umfangt und in die Arme einer am Boden knieenden Be- 
gleiterin niedergleiten lässt. Eine dritte, die den Kopf der Madonna 
mit ihren Händen unterstützt, vollendet diese Gruppe. Mit grosser 
Feinheit hat der Künstler diese Episode durch die nach dem Leichnam 
des Herrn hinüberblickende Frau mit der Hauptgruppe in Verbindung 
gesetzt. Ausserdem bildet diese Gruppe mit der zu Häupten des Er- 
lösers angeordneten sowohl in der Anordnung wie sogar in der Figuren- 
zahl ein bewundernswürdig abgewogenes Gleichgewicht. Die dreieckige 
Oeffnung in der Mitte beider Gruppen gewährt einen Ausblick in die 
Frühlingslandschaft, in deren tröstlich klare Heiterkeit die erschüt- 
ternde Scene versöhnend ausklingt. Mit der feinsten Berechnung hat 
Rafael dem stark ausgeprägten Moment physischer Anstrengung eine 
eben so reich abgestufte Schilderung der Seelenvorgänge gegenüber 
gestellt. Welche Mühe er sich gegeben hat, die Schwierigkeiten der 
Aufgabe zu lösen, sieht man besonders an einer prächtigen Feder- 
zeichnung der Oxforder Sammlung (Br. 21), in welcher er die Träger 
des Leichnams in nackten Figuren, so wie diesen selbst mit markigen 
Zügen hingeworfen hat, während eine andere Zeichnung in den Üffi- 
zien (Br. 508) die Hauptgruppe in bekleideten Figuren sorgfältig aus- 
geführt zeigt. Aber obwohl dieses Blatt behufs der Uebertragung auf 
die Tafel mit einem Netz überzogen ist, gab sich Rafael noch nicht zu- 
frieden, sondern änderte nochmals die Composition, indem er die beiden 
Träger, den Jüngling und den älteren Mann, in ihren Stellungen ver- 
tauschte und die hinter Magdalena stehende, die Arme ausstreekende 
Frau fortliess. Dass dagegen die zu Oxford als „Tod des Adonis" 
benannte Zeichnung keine Beziehung zur Composition der Grablegung 
hat, ist schon anderweitig erkannt worden. Wenn nach alledem das 
Bild doch nicht einen unmittelbar hinreissenden Eindruck macht, so 
trägt einerseits die darüber ergangene Verputzung die Schuld, denn 
trotz der fein abgewogenen Carnation und der kräftigen, doch lichten 
und warmen Färbung fehlt jenes feiner abgestufte Helldunkel, welches 
der perspektivischen Ausbildung der Gruppe zu entsprechen hätte. 
Auch ist eine nicht ganz verwischte Spur von den Mühen des Künst- 
lers zu merken, welche den vollen, rückhaltlosen Genuss des Werkes 
hemmt. Und doch hat der kaum Q-{ijährige Künstler hier eine Schöpfung 
hervorgebracht, die ihn ebenbürtig zu den ersten Meistern der Zeit 
gesellte und für die fernere Zukunft auf dem Gebiete dramatisch-_
        

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