Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273230
Grablegung. 
Endgültige Gestalt der 
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äussersten Linken eine sich theilnehmend niederbeugende Frau ange- 
bracht, die der rechts stehenden Gruppe ein Gegengewicht hält. Die 
andere Frau, welche den Unterkörper Christi auf dem Schoosse hält, 
umfasst ihn nicht mehr mit dem Arme, sondern giebt ihm mit ihrem 
vorgeschobenen linken Fuss einen festeren Halt und wendet dagegen 
den theilnahmvollen Blick auf die Madonna, indem sie ähnlich wie 
Johannes ihren Schmerz durch die" gerungenen Hände ausspricht. Um 
dies Motiv von dem des Johannes zu unterscheiden, ist dieser ganz 
in sich versunken dargestellt und hebt die Hände bis zum Gesicht 
empor. Auch ist die Stellung des Lieblingsjüngers, die auf der pariser 
Zeichnung eine in der umbrischen Schule herkömmliche war, hier 
durch den stärker zur Seite gewendeten linken Fuss schärfer markirt. 
Da nun der Künstler obendrein die in der Mitte der ersten Gruppe 
stehende weibliche Figur, so schön sie auch war, unterdrückte, so 
gewann er für den gesammten Aufbau einen besseren Rhythmus, in- 
dem die Composition in der Mitte sich öffnete und einen Blick in die 
leicht angedeutete Landschaft frei liess, zu beiden Seiten aber von den 
stehenden Figuren wie von festen Pfeilern eingerahmt wurde. 
Was Rafael bewogen haben mag, diese Composition völlig bei 
Seite zu stellen und statt der Trauer um den Leichnam vielmehr die 
Grablegung zu wählen, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich drängte 
es ihn, sich einmal in einer mehr dramatischen Auffassung zu ver- 
suchen, und es mögen auf diese Stimmung die beiden Schlachtkartone 
Lionardo's und Michelangelds eingewirkt haben. Die direkte Anre- 
gung dazu gab ein Stich Mantegna's, der dasselbe Thema behandelt. 
Dass Rafael ihn studirt hat, erkennen wir aus zwei Handzeichnungen 
in der Akademie zu Venedig. Doch auch hier verfuhr der Künstler 
mit der ihm eigenen Selbständigkeit in der Umbildung. Es galt nun 
zu schildern, wie der Leichnam des Herrn von den trauernden Freunden 
im Beisein der Angehörigen zur Gruft getragen wird. Ein älterer 
Mann, rückwärts schreitend, hält mit dem Bahrtuch den Oberkörper 
Christi, dessen Kopf an seiner Brust liegt und dessen rechter Arm 
herabhängt, während die linke Hand von einer treuen Begleiterin sorg- 
lich gehalten wird. Die Anstrengung des Trägers geht bis zur 
äussersten Anspannung der Kräfte und steigert sich um so mehr, da 
es gilt, die Felsstufen zu dem Grabeingang hinaufzusteigen. Man sieht 
deutlich, wie der Fuss des rückwärts Schreitenden sich an dem Fels- 
absatz hinauf fühlt. Der andere Träger, ein kräftiger Jüngling, hat 
das Bahrtuch an den unteren Enden gefasst und legt sich mit dem
        

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