Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270665
Literatur. 
Die 
Epen. 
Ariosto. 
die religiöse Glut eines Dante verlangen. Ebenso wenig darf man ein 
achtes Rittcrthnm voll romantischer Schwärmerei, darf man klar aus- 
geprägte und psychologisch durchgeführte Charaktere erwarten. Es 
sind üppig berauschende Bilder, in welchen mittelalterliches Ritterthum 
und Mönchswesen, antike Mythologie, griechische und römische Heroen- 
Welt, christliche und heidnische Anschauungen, orientalische Feenmärchen 
und allegorische Gebilde bunt durcheinander wirbeln. Diese phan- 
tastische Welt zeigt uns der Dichter in der pikanten Beleuchtung eines 
durchaus modernen Geistes, der an nichts glaubt, mit Allem sein über- 
miithiges Spiel treibt, selbst die ernsten Vorgänge durch den Blitz 
schalkhaften Muthwillens zum übermüthigen Scherz umdeutet und 
einzig nur danach strebt, durch den Glanz der Schilderung, durch das 
neckische Spiel der Episoden, durch bezaubernde Lebendigkeit der 
Erzählung den Zuhörer zu fesseln, zu spannen und zu ergötzen. So 
darf dann auch im Sinne der Zeit das Schlüpfrige, Obscöne der Dich- 
tung nicht fehlen; auch dies Element ist mit Künstlerhand geschickt 
eingestreut und erhält durch die wunderbare Anmuth der Form poe- 
tisches Bürgerrecht. Wer weiss nicht, wie schwächlich die Helden 
Ari0st's gezeichnet sind, wie niedrig meist seine weiblichen Gestalten 
stehen, die fast nur sinnliche Begierden erregen, wenn sie nicht selbst 
als ungesehlachte Reckinnen sich in den Kampf stürzen, wie Brada- 
mante und Martisa; wer wird nicht zugeben müssen, dass keine tiefere 
Idee, kein höherer geistiger Gehalt in seiner Dichtung zu finden ist? 
Sie spiegelt aber so wie sie ist, den Geist der damaligen italienischen 
Kultur der höheren Stände, jene zügellose, nur auf sinnlichen Genuss 
gerichtete Tendenz, in welcher das grosse Streben einer Wiedergeburt 
des Lebens sich verloren hatte, weil alle ethischen Grundlagen durch 
die bodenlose Verderbtheit der Kirche und des Klerus systematisch 
aufgelöst und zu einem geistreichen Sybaritismus, einem frivolen iro- 
nischen Spiel mit dem Höchsten und Edelsten herabgekommen waren. 
Man braucht nur den 28. Gesang des Orlando furioso zu lesen , der 
von der Untreue der Weiber handelt, und man wird sagen müssen, 
dass man in den Dichterschöpfungen keiner Nation ähnlich Anrüchiges 
findet. Und doch ist und bleibt Ariost's Gedicht einer der glänzendsten 
Sterne am Himmel der neueren Poesie und kein Ohr wird sich dem 
bestrickenden Zauber dieser voll dahinrauschenden Oktaven entziehen 
können. 
Kein Wunder, dass solchen Dichtungen das völlig parodistische 
Epos durch Berni und durch Folengds „Or1andinoa (1526) auf dem
        

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