Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1273064
236 
Buch. 
III. 
Kapitel. 
RafaePs Jugend. 
empfindet man in voller Starke die Wahrheit des Göthdschen YVortes, 
dass Rafael immer das gemacht habe, was Andre gern gemacht hätten, 
Dieser Composition nahe verwandt ist die Madonna Tempi in der 
Pinakothek zu München, die ebenfalls als Halbligur stehend ge- 
schildert ist, wie sie in aufwallender Miltterzärtlichkeit mit den beiden 
Händen das Kind an sich drückt, so dass das Köpfchen desselben wie 
zum Kuss an ihr Gesicht gepresst ist. Wenn in der Madonna del 
Granduca noch ein Rest feierlicher Stimmung nachklingt, so ist hier 
die rein menschliche Empfindung völlig zur Herrschaft gelangt und 
spricht sich mit bezaubernder Innigkeit aus. Das goldige Kolorit mit 
seinen weichen, zarten Tönen entspricht der Feinheit der Formen, von 
der nur vielleicht die etwas breite rechte Hand, welche den Rücken des 
Kindes umfasst, eine Ausnahme macht. Das Bild gehört zu den hold- 
seligsten Inspirationen des Meisters. Ueberaus anziehend ist sodann 
ein aus Florenz stammendes Madonnenbild beim Lord Cowper in 
Pan shanger. Hier sitzt die Madonna mit ihrem Mutterglück still 
beseligt in einer feinen Frühlingslandschztft und giebt sich den Lieb- 
kosungen des sie stürmisch umhalsenden Kindes hin, das dabei fröhlich 
zum Beschauer hinausblickt. Wieder ein anderes Motiv, ungefähr auf 
derselben Stufe der Entwicklung, bietet die Madonna aus dem Hause 
Orleans, jetzt im Besitz des Herzogs von Aumale in London. Die 
Madonna, deren ovales jungfräuliches Köpfchen grosse Verwandtschaft 
mit der Madonna Tempi zeigt, sitzt im Zimmer auf einer Bank und 
beugt sich liebevoll über das Kind, das in lebhafter Bewegung an 
ihrem Mieder nestelt und dabei aus dem Bilde herausblickt. Indem 
die Mutter das Kind mit der linken Hand an der Schulter hält und 
mit der Rechten das ausgestreckte linke Füssehen desselben stützt, 
der Kleine aber mit dem rechten zurückgezogenen Bein sich auf- 
zurichten sucht, bildet der Körper des Kindes eine Diagonale, die in 
lebendiger Weise den fein abgewogenen pyramidalen Aufbau der 
Gruppe durchschneidet. Gerade an diesem Bilde ist es lehrreich zu 
beobachten, welche feinen Probleme linearer Composition der Künstler 
zu," lösen sucht; aber niemals ist dies Problem an sich für ihn die 
Hauptsache, sondern nur ein Mittel, um dem mit der ganzen Innigkeit 
der Empfindung behandelten Thema eine neue Wendung abzugewinnen. 
Dies ist auch der Grund, warum die Madonnen RafaeYs so hoch über 
denen Michelangelds stehen, die meistens nur um eines linearen Pro- 
blems willen existiren. Noch einmal kehrt das Motiv der Madonna 
Tempi in freierer Auffassung und Umbildung in der früher dem Dichter
        

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