Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270652
Buch. 
Kapitel. 
der 
Kultur 
Hochrenaissance. 
betrachten, So ergiebt sich denn ein subjectives Hervortreten des 
Dichters, der in souveräner Keckheit mit seinem Stoffe schaltet. Wieder 
ein Beweis von der frühen und starken Ausbildung des Individualismus 
in Italien. Am wenigsten bemerkt man diesen durchaus modernen 
Standpunkt bei Bojardo, der in seinem verliebten Roland zwar die 
bunte Phantastik dieser Marchen- und Sagenwelt in ihrem kaleido- 
skopischen Wechsel dem Auge verführt, aber noch in ernsthafter Weise 
das Ritterthum mit seinen idealen Eigenschaften verherrlicht. Dagegen 
hatte schon Luigi Pulci in seinem Morgante maggiore den Ton schalk- 
hafter Komik angeschlagen und in den Gestalten seines ungeschlachten 
Titelhelden und des noch ungeschlachteren Margutte ein possenhaftes 
Element eingeführt. Die ganze Frivolität der Renaissancekultur Italiens 
kichert aus seinem mit schlüpfrigen Scenen durehwebten Gedichte 
unverholcn hervor, und nicht minder keck ist der Spott, den er mit den 
heiligsten Einrichtungen der Kirche treibt. Man kann das Sakrament 
der Taufe z. B. nicht boshafter verhöhnen, als es im achten Gesangc 
geschieht, wo die heidnische Prinzessin Meridiana schleunigst sich taufen 
lässt, weil sie nur unter dieser Bedingung Olivierls Liebe erlangen 
kann. Was aber in diesen Dichtungen Liebe heisst, ist himmelweit 
entfernt von der edlen durchgeistigten Flamme, die wir darunter ver- 
stehen, ist ausschliesslich nur roher Sinnengenuss. Nicht minder frivol 
sind die Anrufungen Gottes, der Madonna und der Heiligen, mit 
welchen jeder Gesang beginnt, wie denn gleich der Anfang des ersten 
das Evangelium Johannis travestirt, und im zweiten sogar der für uns 
gekreuzigte höchste Jupiter (vsummo Giove, per noi crocifissoa) an- 
gerufen wird, beiläufig eins der zahlreichen Zeugnisse für die wunder- 
liche Vermischung christlicher und heidnischer Anschauungen. Man 
kann sich den Effekt solcher feierlicher Anrufungen, mit welchen der 
lascive Ton der nachfolgenden Geschichten oft den seltsamsten Contrast 
bildet, bei einer geistreichen, den kirchlichen Superstitionen längst 
entwachsenen Zuhörerschaft lebhaft vorstellen; man glaubt ihren Jubel 
zu hören, Wenn Margutte sein Glaubensbekenntniss dahin abgiebt: „I1 
vero paternostro e il fegatello". 
Die höchste Vollendung sollte diese Gattung der Epopöe in 
Ariost's Orlando furioso Enden, der bekanntlich als Fortsetzung von 
Bojardds Heldengedicht entworfen und ausgeführt wurde. Man darf 
an diese Werke nicht mit den Vorstellungen von Homer, oder von 
den Nibelungen herantreten; man darf von ihnen nicht die flammende 
Begeisterung, die weltentiefe Gedankenkraft, den erhabenen Ernst und
        

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