Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272907
222 
Buch. 
Kapitel. 
Jugend. 
RafaePs 
daran, wie gründlich Rafael in Architektur und Perspektive bewandert 
war. Bei der Anbetung der Könige ordnete er, wie schon Gentile da 
Fabriano und andere gethan, die Madonna mit dem Kinde in die eine 
Ecke des Bildes, so dass der Zug der Verehrenden sich in ganzer 
Ausführlichkeit entfalten kann. Hier findet man manche Figuren, die 
über den Rahmen der umbrischen Schule entschieden hinausreichen. 
Die Darstellung im Tempel, zu welcher der Karton der Mittelpartie 
sich in Oxford befindet, verlegt er in eine prächtige, dreischifiige Säulen- 
halle; die Anordnung und Zeichnung der Gestalten erinnert wieder 
mehr an Perugino; aber auch hier erfüllt doch ein neues Leben die 
alten Formen. Hier möge ein herrlicher, in Oxford (Br. 2) befind- 
licher Entwurf zu einer Anbetung der Hirten angereiht werden, der 
auf derselben Stufe der Kunstentfaltung steht und zu den schönsten 
Jugendwerken Rafael's gehört. Hier wie auf den vorher genannten 
Blättern erkennt man aus den mit Nadelstichen punktirten Linien, 
dass man die Kartone zu den Bildern vor sich hat. 
Neben all' diesen religiösen Darstellungen finden sich nun aus 
der Jugendepoche RafaePs einige Arbeiten, die ihn auch auf dem pro- 
fanen Gebiet der Allegorie und des Mythos bewandert zeigen. Das 
eine ist ein kleines, neuerdings nach London in die Nationalgalerie 
gelangtes Bildchen, welches im romantischen Geist der Renaissance 
Hercules am Scheidewege darstellt. Er liegt als junger Krieger schlum- 
mernd unter einem Lorbeerbaum, im Hintergrund eine liebliche Land- 
schaft mit einer Stadt und fernen Gebirgen. Da treten zwei Frauen- 
gestalten heran, die eine leicht geschürzt, eine Perlenschnur und Blume 
in Händen haltend, die andre Würdevoll Buch und Schwert darreichend. 
Das überaus anmuthige Bildchen, welches sich ehemals im Palazzo 
Borghese zu Rom befand, trägt RafaeYs Namensbezeichnung. Noch 
anmuthiger ist ein kleines Bild im Besitz des Herrn Morris Moore, 
Apollo und Marsyas in heiterer Frühlingslandschaft darstellend. Ruhig, 
mit überlegenem Lächeln blickt der Gott auf den vor ihm sitzenden 
Satyr herab, der mit aller Mühe seinem Instrument Melodieen zu ent- 
locken sucht. Das Bildchen, zu welchem sich in der Akademie zu 
Venedig (Br. 146) der Entwurf befindet, ist von bedeutenden Autori- 
täten dem Rafael abgesprochen, von andern ihm zugeschrieben worden. 
An Feinheit der Empfindung und miniaturhafter Vollendung eine wahre 
Perle, und sicherlich den damaligen Werken RafaePs ebenbürtig, hat 
es gleichwohl in der Charakteristik und in der Formbehandlung Züge, 
welche eine sichere Entscheidung für Rafael erschweren. Noch zwei
        

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