Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272894
Krönung 
der Madonna. 
221 
Auch für Perugia erhielt jetzt Rafael den ehrenvollen Auftrag 
zu einem grösseren Altarwerk, indem Maddalena degli Oddi 1502 bei 
ihm eine Krönung der Madonna für S. Francesco bestellte. In der 
napoleonischen Zeit nach Paris entführt, gelangte das Bild sammt seinen 
Predellen bei derpRückgabe der geraubten Kunstwerke in die Galerie 
des Vatikan. Auch in diesem schönen Werke herrscht noch in Aufbau 
und Durchführung die Weise Perugino's, aber zu einer Anmuth und 
Reinheit der Empfindung gesteigert, die man nur selten in den besten 
Werken seines Meisters antrifft. Dazu kommt eine Freiheit und Fülle 
der Gewandmotive, die sich fast völlig von den mit vielen kleinen 
rundlichen Falten überladenen Gewändern Peruginds losmacht und der 
Vermuthung Raum giebt, dass damals schon Rafael einen Blick in die 
florentinische Kunstwelt geworfen haben muss. Oben in den Wolken 
thront neben Christus die Madonna, die demüthig das Haupt neigt, 
welches ihr Sohn mit der himmlischen Krone schmückt. Zu diesen 
Figuren besitzt das Museum zu Lille die Aktstudie, die wir oben unter 
Fig. 44 mitgetheilt; die Gewandungen arbeitete er auf andren, in der 
Akademie zu Venedig befindlichen Blättern (Br. 89. 100) durch. Zu 
beiden Seiten schweben musizirende Engel, zu welchen man die Studien- 
blätter in Oxford (Br. 3) findet, während unten die Apostel mit mannig- 
fachem Ausdruck des Staunens den offenen Sarkophag umgeben, aus 
welchem Blumen emporspriessen. In der Mitte die sehnsuchtsvoll auf- 
blickende Jünglingsgestalt des h. Thomas, dem die Madonna ihren 
Gürtel zurückgelassen hat, zu beiden Seiten in schön bewegten und 
doch feierlich gestimmten Gruppen die Apostel, durchweg noch peru- 
gineske Typen, aber lebensvoller bewegt und in freierem Rhythmus ge- 
ordnet, als sein Lehrer es bei demselben Gegenstande vermocht hatte. 
Die Ausführung des herrlichen Bildes zeigt in der sorgfältigen Be- 
handlung und harmonischen Färbung die gediegenen Eigenschaften 
der umbrischen Schule. Die Altarstaffel enthält in drei kleinen Bild- 
chen die Verkündigung, Anbetung der Weisen und Darstellung im 
Tempel. Auch hier erkennt man deutlich, wie Rafael sich noch inner- 
halb der eingelernten Formen, aber doch schon mit voller Freiheit 
bewegt. Bei der Verkündigung, deren Entwurf sich im Louvre 
(Br. 266) befindet, ist der leere Raum zwischen dem in gellügeltem 
Lauf herbeieilenden Engel und der still mit ihrem Gebetbuch da- 
sitzenden Madonna durch eine in meisterlicher Perspektive durchge- 
führte Halle mit prächtigen Compositasäulen und durch den Blick in 
eine freundliche Hügellandschaft auf's Schönste belebt. Man erkennt
        

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