Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272828
214 
Buch. 
Kapitel. 
BafaeFs Jugend. 
Palaste freistand. WVohl mag der Eindruck eines so hochgebildeten 
Lebens, wie er esdort sah, seiner fein angelegten Natur förderlich 
gewesen sein. Aus derselben Zeit stammt wahrscheinlich eine Reihe 
architektonischer und landschaftlicher Studien seines Skizzenbuchs zu 
Venedig, darunter namentlich die Ansicht seiner Vaterstadt, die er 
vielleicht gezeichnet hat, kurz ehe er von ihr Abschied nahm. Mit 
Sicherheit wissen wir nur, dass er im Jahr lÖÜO seinen Wohnsitz in 
Urbino mit Perugia vertauscht hatte. 
Perugia befand sich damals zerrissen von den Parteikämpfen 
zwischen den beiden mächtigen Familien der Baglioni und der Oddi. 
Kurz vorher (1489) waren letztere vertrieben worden, und die Baglioni 
herrschten in der Stadt. Als bald darauf die Verbannten durch nächt- 
lichen Üeberfall sich der Stadt zu bemächtigen suchten, Wurden hundert 
und dreissig von ihnen niedergehauen und am Palazzo pubblico auf- 
gehängt. Damit war zwar die Herrschaft der Baglioni befestigt, aber 
nun brachen innerhalb der Familie die heftigsten Fehden aus. Bei 
der Hochzeit Astorre's (1500) fand ein allgemeines Blutbad statt, bei 
welchem die tapfersten Mitglieder der Familie hingeschlachtet wurden 
und Atalanta Baglioni, die später bei Rafael als Denkmal ihres Mutter- 
schmerzes die Grablegnng bestellte, ihren heldenhaften Sohn vor ihren 
Augen sterben sah. Mitten in diese Wirren und Kämpfe fiel die An- 
wesenheit RafaePs. Aus dem stillen, friedlichen Urbino war er in die 
Anfregnngen jener Bürgerkämpfe versetzt, an denen die Localgeschichten 
Italiens so reich sind. Aber in die Stille der Werkstatt drang nur 
ein Wiederhall der äusseren Stürme. Eine günstigere Stätte für die 
Entwicklung seines Genius hätte der junge Ürbinate nicht zu finden 
vermocht, Bei Perugino erhielt er nicht bloss die tüchtige Anleitung 
einer soliden Werkstatt, sondern vor Allem entsprach die religiöse 
Innigkeit, die seelenvolle Anmuth der umbrischen Kunst der reinen 
Stimmung seines eigenen Gemüthes. Das religiöse Ideal eines jugend- 
lich gläubigen Herzens ist mit aller Wärme in den YVerken Peruginds 
verwirklicht. Und dazu hatte der Meister eben in der Reife des Mannes- 
alters die Höhe seiner künstlerischen Entwicklung erreicht. In jenen 
Jahren entstanden seine edelsten Schöpfungen, die Verklärung Christi, 
die Grablegung, die Vermählung der Madonna. Noch war in seinen 
Werken nichts zu spüren von der erst später mehr und mehr hervor- 
tretenden Verausserlichung in dem handfertigen Wiederholen gewohn- 
heitsmässiger Typen. Noch erfüllte ihn jene Wärme der Empfindung, 
die sich wie ein elektrischer Funke der Seele des jungen Rafael mittheilte.
        

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