Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270625
Literatur. 
Lyrik. 
Nicht mehr so gräuelvoll, aber nicht minder entsittlicht waren 
die Zustände Roms unter J L11ius II. und dem üivolen Lebemann Leo X., 
der mit Schmunzeln von der neinträglichen Fabel des OhristentlTumsa 
zu sprechen pHegte. Wir wollen für Julius II. Zeit nur das Zeugniss 
Michelangelds aufrufen : 
„Aus Kelchen lässt man Helrrf und Lanzen schmieden, 
Aus Kreuz und Nägeln Schwert und Schild; man hält 
Nach Kannen feil dein Blut, u Herr, für Geld; 
In Rom muss deine Langmuth selbst ermüden. 
Nie kehre bei uns ein! wärst du hienieden, 
Der Blutpreis Stiege bis zum Sternenzelt, 
Selbst deine Haut verkaufte man der Welt! 
Hier führt kein Weg zurück zu Heil und Frieden." 
Unter Leo X. vollends wurde der Vatikan eine Schaubude für Possen- 
reisser, Komödianten und Tänzer, und die Wände widerhallten 
von wieherndem Gelächter über die gemeinen Spässe und Zoten 
der päpstlichen Schaubühne. War es doch ein Kardinal, der durch 
seine Verbindung mit Rafael berühmt gewordene Bibbiena (Bernardo 
Dovizi), der eine der beliebtesten damaligen Komödien, die Calandra 
geschrieben hatte, welche Leo X. bei Anwesenheit der Marchesa Isa- 
bella Gonzaga im Vatikan aufführen liess. Der edlen Fürstin gefiel 
das Stück dermassen, dass sie es später auf ihrer Bühne in Mantua 
wiederholen liess. Gewiss ein merkwürdiges Zeugniss von dem freien 
Vorurtheilslosen Sinn jener Tage und zugleich von der sittlichen Inte- 
grität jener erlauchten Dame, deren kräftiger Geist zu den hoch- 
stehenden Erscheinungen jener goldnen Zeit gehört und, fern von aller 
Prüderie, im Gefühl ihrer Lauterkeit auch derben Cynismus zu ertragen 
vermochte. Der Dichter hat die Menächmen des Plautus dadurch noch 
Zu überbieten gesucht, dass die zu fortwährenden Verwechslungen An- 
lass gebenden Zwillinge ein Bruder und eine Schwester sind, wodurch 
dann eine Reihe von Situationen herbeigeführt wird, wie sie sich 
possenhafter, aber auch unzüchtiger nicht denken lassen. Allerdings 
muss man stets die Verschiedenheit im Schicklichkeitsgefühl der ein- 
zelnen Zeiten im Auge behalten; aber in der Calandra handelt es sich 
um nichts als um grobe Unsittlichkeit und Alles wird mit einer cyni- 
schen Deutlichkeit und Frechheit ausgemalt, die dann doch ein schlim- 
mes Licht auf die sittlichen Zustände werfen. 
Und ein weiterer Blick auf die italienische Literatur jener Zeit 
wird dies Urtheil bestätigen. Wenn im 15. Jahrhundert die Literatur
        

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