Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272590
Andrea. 
Sarto. 
Privatleben. 
193 
Dagegen concentrirt er das Interesse auf die schönen Gestalten, die in 
freier Gruppirung und ausdrucksvoller Bewegung den Blick feSSeln 
und durch die Wucht ihrer Erscheinung wiederum an den Stil Fra 
Bartolommeds erinnern. Die Pracht der Farbe, die leuchtende Klar- 
heit des Helldunkels, der weiche Duft, der die Formen verschleiert, 
zeigen den grossen Koloristen auf seiner Höhe. Um dieselbe Zeit 
entstand ohne Zweifel die Pieta des Belvedere zu Wien (IV, 23), ein 
Werk von ergreifender Kraft des Ausdrucks, wenngleich im Kopfe 
Christi etwas zu naturalistisch, fast unedel. Auch dieses Bild ist in der 
Farbe trotz mancher Beschädigung von duftigem Schmelz. 
Mit diesen Arbeiten hatte Andrea sich bald zu einem der an- 
gesehensten Künstler aufgeschwilngen, der sowohl in der Freskomalerei 
wie im Andachtsbilde nicht seines Gleichen in Florenz hatte. Mit den 
ausgezeichnetsten Künstlern, namentlich mit Jacopo Sansovino und 
Rustici, mit F rancia Bigio und der Familie der Robbia stand er in 
freundschaftlichem Verkehr. Vasari berichtet manches Ergötzliche von 
dem heiteren Leben im Hause des wohlhabenden Rustici, von den 
lustigen Gesellschaften und Pickenicks, zu welchen jeder Gast ein Ge- 
richt in möglichst abenteuerlicher Form beisteuern musste. So hatte 
Andrea einmal einen Tempel geliefert, dessen Fussboden aus Gallert- 
mosaik, dessen Säulen aus Würsten mit Parmesankase und dessen 
Inneres aus Pastete und Backwerk bestand. Das Chorpult war aus 
Kalbfleisch geschnitten und trug ein aus Nudeln und Pfefferkörnern 
hergestelltes Missale; als Ühorsiinger fungirten Krammetsvögel und als 
Chorherren gemastete Tauben. Es war die letzte Zeit, wo das alte 
fröhliche Florenz noch einmal sich einem übermüthigen Lebensgenuss 
hingab, der dann beim Einzuge Leo's X. sich in glänzender Pracht- 
entfaltung offenbarte. Andrea hatte mit andern Künstlern die Deko- 
rationen für den Empfang des mediceischen Papstes herzustellen; es 
fehlte nicht an Triumphpforten und Prunkgerüsten aller Art, ja sogar 
eine gemalte Scheinfacade fürden Dom führte er mit Sansovino aus, 
die allgemein bewundert wurde. 
Noch vor diese Zeit fallt der Beginn einer Leidenschaft, welche 
für Andrea's Leben verhängnissvoll werden sollte. Seine Geliebte war 
Lucrezia del Fede, die er schon 1513 auf dem Bilde von Maria Geburt 
in der Gestalt der "üppigen in der Mitte der Composition stehenden 
Frau verherrlicht hatte, und die fortan das Modell für alle seine Ma- 
donnen wurde. Eine jener plastischen sinnlichen, Erscheinungen, von 
energisch ausgesprochenem Temperament, wie es voller Naivetät in den 
Liibke, Italien. Malerei. II.  13
        

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