Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272222
158 
Buch. 
Kapitel. 
übrigen Florentiner 
mannichfaltigen Schönheit der Köpfe kündigt sich hier zum ersten Mal 
in der florentiner Kunst der neue grosse Stil an. Das Bild wurde im 
October 1499 vollendet, also ungefähr gleichzeitig mit Lionardds 
Abendmahl und Michelangelds Pieta. So zeigt sich Fra Bartolommeo 
als der dritte in der Reihe der grossen Meister, welche die neue Zeit 
heraufführen. Trotz der starken Zerstörung des Bildes ist die ursprüng- 
lich überaus kräftige und harmonische Farbenstimmting, der trotz einiger 
Harten im Ganzen weich verschmolzene Ton noch wohl zu erkennen. 
Bei der Ausführung einiger Partieen War Mariotto behülflich. Die 
Studie zum Weltrichter befindet sich in den Uflizien (Br. 76); eine 
Zeichnung der oberen Gruppe, aber nicht von der Hand des Meisters, 
in der Akademie zu Venedig (Br. S); zahlreiche Studienblätter in der 
Sammlung der Frau Grossherzogin zu Weimar. 
Nach Vollendung dieses Werkes erinnerte sich Baccio seines 
Gelöbnisses, trat 1500 bei den Dominikanern zu Prato in den Orden 
und wurde nach überstandenem Probejahr unter dem Namen Fra Bar- 
tolommeo in das Kloster S. Marco aufgenommen. Seinem künstlerischen 
Beruf blieb er indess treu und nahm, ohne Zweifel unter Vermittlung 
seines Freundes Mariotto, an den künstlerischen Ereignissen der Stadt 
Theil. Die Rückkehr Lionardds, welcher bald darauf der Wettkampf 
mit Michelangelo folgte, ging nicht unbemerkt an ihm vorüber; vor 
Allem aber schloss Rafael, als er Florenz besuchte und sich für einige 
Zeit dort niederliess, sich dem edlen Frate an, dessen Empfindunge- 
Weise in ihrer Lauterkeit und Schönheit seinem eigenen Gefühl innig 
verwandt war. Beide Künstler traten in lebhaften Austausch, wie 
denn Vasari berichtet, Fra Bartolommeo habe Rafael in seine Farben- 
behandlung eingeweiht. Wenn er hinzufügt, der Frate habe von diesem 
dafür Aufschlüsse über die Perspektive erhalten, so dürfen wir diesen 
Theil des Berichtes wohl billig in Zweifel ziehen. Was hätte der 
sechs Jahre ältere Meister, der in den Traditionen und Anschauungen 
der florentiner Kunst aufgewachsen war, der schon vor Jahren ein 
Werk wie das Jüngste Gericht geschaffen hatte, von einem noch so 
begabten Jüngling lernen können, der bis dahin den engen Kreis der 
umbrischen Kunst nicht überschritten hatte! Im Gegentheil war es 
ohne Zweifel der Frate, von welchem Rafael nicht bloss die auf Lio- 
nardo's Lehre und Beispiel beruhende meisterliche Farbentechnik, son- 
dern auch den edlen Stil in Gewandung und Gruppenbildung, den 
grossartigen von freiem Leben durchpulsten architektonischen Aufbau 
kennen lernte. Das Gesetz pyramidalerComposition, welches damals
        

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