Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272126
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Buch. 
Kapitel. 
Buonarroti. 
Michelangelo 
gekehrten in fast angstvollem Staunen auf Christus blickt, während er 
mit der Rechten sich von den Leichentüchern zu befreien sucht und zu- 
gleich mit dem rechten Fuss ebenfalls dieser Ümschlingung sich zu ent- 
winden strebt. Noch ergreifender wird der Ausdruck durch die dunklen, 
von den Tüchern noch halb umhüllten Gesichtszüge, aus denen der Blitz 
des Auges geisterhaft vordringt. Die ganze Figur sammt den drei Män- 
nern, welche sie aufzurichten und zu befreien beschäftigt sind, bildet 
in der Gewalt des Momentanen und der Kühnheit der Verkürzungen 
eine Gruppe von solcher Meisterschaft, dass man hier die Einwirkung 
Michelangelds vermuthen muss. Dagegen zeigen die Männer und 
Frauen, welche in iiehentlicher Bitte, in Erstaunen und Bestürzung 
den Heiland ilmringen, namentlich die vor ihm knieende Schwester 
des Lazarus, und der auf der andern Seite ebenfalls knieende Alte 
die entschiedensten Einflüsse RafaePs. Andere Köpfe wieder, wie der 
ausdrucksvolle, im Profil dargestellte jüngere Mann links im Mittel- 
grunde haben etwas Venezianisches. Doch sind diese verschiedenen 
Elemente mit solcher künstlerischer Kraft harmonisch verschmolzen, 
dass das Bild mit Recht seinen hohen Ruf verdient, und nur der etwas 
gewöhnliche Kopf Christi lässt jenen hohen Geistesadel vermissen, der 
hier erforderlich wäre. Ohne Zweifel ist das Ganze von machtvoller 
Lebendigkeit und dabei in gewaltiger Farbenwirkung durchgeführt. 
Dennoch darf man nicht verkennen, dass die Lichtwirkung etwas 
zerstreut und zerrissen ist, und dass die prächtig gedachte Hauptgruppe 
sich nicht entschieden genug von der Umgebung heraushebt. Man 
hat den Eindruck, dass die Composition nicht coloristisch gedacht, dass 
zwischen Erfindung und Ausführung eine gewisse Kluft vorhanden ist. 
Von poetischer Wirkung ist der Hintergrund mit der schön durch- 
geführten Flusslandschaft, in der man um so uneingeschränkter den 
Venezianer erkennt, da Michelangelo sich niemals auf landschaftliche 
Darstellungen eingelassen hat. 
Schon vorher war Sebastiano mit Rafael in die Schranken ge- 
treten, als beide im Auftrage Franz I. einen h. Michael im Kampf 
mit Lucifer schufen. Während aber Rafaefs Bild sich jetzt noch im 
Louvre befindet, ist dasjenige seines Nebenbuhlers verschwunden. Da- 
gegen bewahrt das Louvre ein anderes, von diesem Künstler für den 
König ausgeführtes Bild, welches mit dem Namen Sebastianus Venetus 
und der Jahrzahl 1521 bezeichnet ist. Es ist eins seiner grossartigsten 
und edelsten Werke, das in Reinheit der Empfindung RafaePs würdig 
erscheint. Die Heimsuchung Maria ist dargestellt; die h. Jungfrau, von
        

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