Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1272090
Sebastiands römische Anfänge. 
145 
üppigen, sinnlichen Schönheit, die sich mit vornehmer Anmuth ver- 
mählt, Köpfe von der breiten, goldlockigen Fülle und dem offenen, 
naiven Ausdruck, wie wir ihn aus den F rauenköpfen Palma Vecchio's 
kennen. Dabei ist das herrlich leuchtende Kolorit des Bildes von jener 
ernsten Pracht und tiefen Gluth, wie man sie von Giorgionr-fs Meister- 
werken erwartet. Das Bild mag um 1510 entstanden sein und durfte 
ohne Zweifel seinem Urheber, wenn er auf diesem Wege fortschritt, 
eine glänzende Zukunft in Aussicht stellen. Aber Sebastian scheint 
nicht der Mann gewesen zu sein, welchem ein angespanntes, mühe- 
volles Ringen neben Meistern wie Tizian und Palma Vecchio genehm 
war. Als daher Agostino Chigi, der reiche römische Bankherr, der 
auf seinen Geschäftsreisen in Venedig Sebastian kennen gelernt hatte, 
denselben aufforderte, nach Rom zu kommen und dort für ihn zu 
arbeiten, folgte er gern diesem Ruf. In Rom wurde ihm der Auftrag, 
sich an der Ausschmückung der Villa Farnesina zu betheiligen. 
Die Zumuthung, mit Meistern wie Pcruzzi und den Schülern RafaePs 
in der Freskotechnik zu wetteifern, war gewiss seltsam. Das Er- 
gebniss waren die Lünettenbilder in dem von Peruzzi selbst aus- 
gemalten Saale des Erdgeschosses, wo Sebastian acht Scenen aus Ovid's 
Metamorphosen darzustellen hatte. Man erkennt hier in der Farben- 
behandlung noch den Venezianer, in der Forniengebung aber die An- 
lehnung an Michelangelo. Dieser zeichnete dann selbst, bei einem Besuche 
in der Villa, in der neunten Lünette auf den Bewurf den colossalen 
Kopf, den man als willkommenes Autograph des grossen Meisters un- 
angetastet liess. Dass in der That ein nahes Verhaltniss zwischen 
beiden sich bildete, ist unverkennbar, obwohl man schwer irrt, wenn 
man mit Cr. und Cav. dafür eine innere Uebereinstimmung zwischen 
beiden Künstlern annimmt. Denn gewiss ist nichtsweniger begründet 
als das Ürtheil, dass nbeide Künstler ehrgeizig, beide Realisten Und 
Liebhaber der Natur gewesen seien la Man kann vielmehr keine grösseren 
Gegensätze denken, als den erhabenen Idealismus Michelangelds und 
den gefälligen Realismus Sebastians, das Naturgefühl des Venezianers 
und das völlig verschieden geartete lllichelangelds, der nie einen land- 
schaftlichen Hintergrund gezeichnet und nie ein Porträt ausgeführt hat; 
 und wenn beide ehrgeizig waren, so setzte sich Michelangelds 
Ehrgeiz die höchsten künstlerischen Ziele, während Sebastianiß lliederes 
Streben nur auf Erlangung einer bequemen Pfründe ging. Durch 
Vasari ist ausserdem berichtet, dass Michelangelo, um Rafael in der 
Malerei einen Nebenbuhler zu setzen, Sebastian mit seinen Zeichnungen 
Lübke, Italien. Malerei. II. IQ
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.