Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271980
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Buch. 
KapiteL 
Buonarroti 
Michelangelo 
immer verräth sich auch in solchen Verirrungen der grosse Gedanke, 
die mächtig treibende Empfindung, die ihnen zu Grunde liegt. Es 
war eben der Zeitpunkt gekommen, wo die subjective Empfindung alle 
Fesseln der Ueberlieferung sprengte, und Michelangelo war durch seine 
Natur und seine Stellung dazu bestimmt, diesem neuen Geiste in grossen 
epochemachenden Werken Ausdruck zu geben. Je höher aber das 
freie Individuum in schrankenloser Selbstbestimmung steigt, desto näher 
liegt die Gefahr der Verirrung. S0 War es denn natürlich, dass gerade 
von den grandiosesten Schöpfungen Michelangelds die manieristischen 
Ausschreitungen der späteren Zeit ihren Ausgang nahmen. 
Der Charakter des grossen Mannes steht als einer der reinsten 
da, welche die Kunstgeschichte kennt. Von frühauf in der schweren 
Schule des Lebens erzogen, hatte er gegen eine ganze Kette von Wider- 
wärtigkeiten zu kämpfen. Fast alle seine bedeutendsten Schöpfungen 
hatten, wie wir gesehen, das Unglück, nicht nach seiner Idee aus- 
geführt oder später verunglimpft zu werden, viele und darunter höchst 
werthvolle und wichtige gingen unter oder sind verschollen. Eine 
Reihe von Zeichnungen zu Dante's Divina Commedia Wurden die Beute 
eines Schiffbruchs; die Leda, eins der wenigen Tafelbildei" Michel- 
angelds, ging in Frankreich verloren; ebenso eine Anzahl von Zeich- 
nungen, Modellen und Kartons, die er sammt der Leda seinem Schüler 
Antonio Mini geschenkt hatte, _um aus dem Erlös die Aussteuer für 
dessen zwei Schwestern zu bestreiten; eine Kette von Mühsalen und 
VViderwärtigkeiten war der Bau von S. Peter, dessen Wirkung oben- 
drein später durch Maderna's Veränderungen erheblich abgeschwächt 
wurde. Rechnet man noch dazu die Leiden, welche ihm der Unter- 
gang der ilorentinischen Freiheit bereitete, so darf man wohl sagen, 
dass niemals ein Künstler von ähnlicher Bedeutung in gleichem Grade 
die empfindlichsten Schläge eines feindseligen Schicksals erfahren hat. 
Eine minder grosse Natur wäre solchen Widerwärtigkeiten er- 
legen, hatte sich entweder in feiges Verzagen oder zu hochmüthigem 
Trotz geflüchtet. Nichts beweist stärker die Charaktergrösse Michel- 
angelds, als dass er sich nicht beugen liess, sondern unverbrüchlich 
treu seine Bahn verfolgte und immer von Neuem nach dem Ideal 
strebte, das sein ganzes Leben erfüllte. DerKern seines Wesens 
war ein ethischer, den alle Kämpfe nur läutern, alle herben Schicksale 
nur erheben konnten. Wohl erschien er der Welt abstossend, herb; 
aber die ächte Charaktergrösse des nach dem Höchsten ringenden 
Geistes wird stets eine gewisse Einsamkeit um sich sehen. Wohl
        

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