Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271920
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Buch. 
Kapitel. 
Buonarroti  
Michelangelo 
Dein Wille, hohe Frau, ist auch der meine, 
Aus Deinem Herzen sprosset mein Empfinden, 
Aus Deinem Geiste meine Worte stammen. 
Dem Monde gleich ich, arm an eignem Scheine, 
Den unsre Augen nie am Himmel finden, 
Strahlt Sonne ihn nicht an mit ihren Flammen. 
Irminnigsten Austausch währte der geistige Verkehr dieser edlcn 
Menschen bis an den Tod Vittoria's, zehn Jahre ununterbrochen fort. 
Vittoria liebte besonders die religiöse Kunst; stundenlang brachte sie 
in der Werkstatt des Meisters zu, der ihr seine Entwürfe, Zeichnungen 
und Bildwerke mittheilte, und für sie selbst einen Crilciüxils arbeitete. 
Von dem tiefen geistigen Gehalt ihrer Unterredungen ist uns ein merk- 
würdiges Dokument überliefert durch den Bericht eines portugiesischen 
Künstlers Francesco d'Ollanda, der 1538 nach Rom kam und dort 
mehrere Jahre seiner künstlerischen Ausbildung lebte. Sein noch vor- 
handenes 1548 Vollendetes Manuscript schildert in lebendigen Zügen 
den hochidealen Charakter jenes Verkehrs, in welchem Michelangelo 
in seiner unbestrittenen Grösse den Mittelpunkt bildet. Zahlreiche 
Gedichte Michelangelds sind der treue Ausdruck jenes Seelenbundes. 
Edler aber konnte die heilige Zartheit seiner Empfindung sich nicht 
aussprechen, als da er gegen seinen vertrauten Schüler Ürbino aus- 
serte, nichts schmerze ihn mehr, als dass er, als Vittoria auf dem 
Sterbebette gelegen, ihr nur die Hand und nicht auch Stirne oder 
Antlitz geküsst habe. Als sie starb, löste sich für ihn das stärkste 
Band, welches ihn noch mit dem Leben verknüpfte. In einer Reihe 
ergreifender Gedichte spricht er seinen Schmerz über ihr Hinscheiden 
O wär" ich doch von dieser Welt geschieden, 
Als Phöbus noch beglänzte meine Bahn, 
Als mir vergönnt zu schweben himmelan, 
Mit seiner Federn Kraft, dann hätt" ich Frieden. 
Ach meine Sonne schwand! Wenn mir hienieden 
Viel lichte Tage einst versprach mein Wahn, 
So fasst nun Angst, ob Zeit mir bleibt, mich an, 
0b offen noch das Himmelsthor dem Müden. 
Tief eindringend war die Umwandlung, welche durch Vittoriajs 
Einfluss in seiner Seele vor sich ging. Die Religiosität der edlen Frau 
beruhte auf jener innerlichen Empfindung, welche durch die Strömung 
der Reformation auch in Italien damals Eingang gewann und in den
        

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