Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271691
Decke 
der Sixtina. 
Trunkenheit. 
Noah's 
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erhaltung werden die, welche sich anzuklammern und hinein zu schwingen 
suchen, erbarmungslos zurückgestossen. Im Hintergrunde sieht man 
die Arche, deren aus dem Wasser ragender Rand ebenfalls von einem 
Gedränge Flüchtender belebt wird. Eben entschwebt ihr die auf Bot- 
schaft ausgesandte Taube, und der Mond, der aus dichten Wolken- 
rnassen hervorbricht und sein Licht über die endlose Wasserfläche 
ausgiesst, scheint anzudeuten, dass der Zorn des Himmels gestillt sei. 
Es ist ein gewaltiges Drama, dessen erschütternde Scenen der Künstler 
vor uns mit souveräner Meisterschaft entrollt. Welch ein Abstand und 
Fortschritt, wenn man an die dürftige Darstellung UceellYs (I. 277) 
sich erinnert! 
Das letzte, wiederum kleinere Bild schildert N0ah's Trunkenheit. 
Der Patriarch liegt, vom Weine bezwungen, in tiefem Schlaf am Boden; 
meisterlich ist in der prächtigen Figur das Gelöstsein der Glieder und 
die Schwere des über die Brust sinkenden Kopfes ausgedrückt. Rechts 
sieht man Ham, der spottend auf ihn zeigt, während der neben ihm 
stehende Japhet den bösen Bruder liebevoll umfasst und von seinem 
frevelhaften Beginnen abzulenken sucht. Sem dagegen wirft abgewen- 
deten Blickes den Mantel über seinen Vater, um dessen Blösse zu be-- 
decken. Auch diese Composition ist von schlagender Prägnanz des 
Ausdrucks. 
Die drei letzten Bilder waren die ersten, welche Michelangelo 
ausführte. Erst nach ihrer Vollendung bemerkte er, dass der Maass- 
stab der Figuren für die bedeutende Entfernung vom Auge Zu klein 
sei. Er änderte nun den Maassstab und führte die folgenden Bilder 
in einer Grösse der Form und des Stiles aus, die ihnen die volle Wir- 
kung verbürgte. 
Noch gewaltiger schwang sich-sein Genius auf, als es galt, die 
Gestalten der Propheten und Sibyllen auszuführen. Wie die 
mittelalterliche Kunst den vorbildlichen Zusammenhang des Alten Testa- 
mentes mit dem Neuen zu betonen liebte, so fasste sie früh die Pro- 
pheten des alten Bundes als die Verkünder der Ankunft des Messias 
auf. So findet man beim Stammbaum Christi die Propheten mit 
Spruchbändern, auf denen bezeichnende Stellen ihrer Weissagungen 
zu lesen sind, als Umrahmung des Ganzen, wie an der Decke der 
Michaelskirche zu Hildesheim. An Portalen, wie z. B. am Dom zu 
Bamberg, ist die Beziehung zum neuen Testamente oft so ausgeprägt, 
dass stets ein Apostel auf der Schulter eines Propheten, gleichsam 
seines Vorgängers, steht. Während aber die Apostel individuell cha-
        

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