Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271611
Die 
Gemälde 
älteren 
Sixtina. 
der 
wand endlich bringt den Abschluss in dem Streit des Erzengels Michael 
über den Leichnam Mosis und in der Auferstehung Christi, mit welcher 
ebenfalls die Gewalt der Hölle und des Todes gebrochen wird. Aber 
auch die Altarwand zeigte ursprünglich noch zwei Bilder desselben 
Cyclus, welche später dem jüngsten Gericht weichen mussten: Mosis 
Findung durch Phara0's Tochter und entsprechend die Geburt Christi. 
Die ebenfalls später beseitigte Himmelfahrt Maria zwischen beiden 
Bildern stand für sich isolirt, da der ganze Cyclus der Kapellenfresken 
der Gottesmutter nur einen vorbildlichen Platz an den Deckengemälden 
einräumt. _ 
Diesen Parallelreihen der Wandbilder sollten die Deckengemälde 
nun als Vertreter der Abtheilung „ante legem" sich zugesellen. Aber 
die inzwischen frei gewordene Kunst und der Genius des grössten 
Meisters grossräumiger Compositionen nahm zwar dankbar eine Aufgabe 
an, die seinem innersten Wesen so sehr entsprach, durchbrach aber die 
Fessel der Einzelbezüge und gab in dem gewaltigen Rhythmus dieser 
Deckenbilder die freien Gebilde, die aus der Durchdringung des Stoffes 
mit dem Walten einer eigenartigen Künstlerphantasie sich ergeben 
sollten. Michelangelo lag damals schon nichts ferner als der Ausdruck 
des Individuellen, Charakteristischen. Deshalb war ihm auch das Neue 
Testament mit den ausgeprägten Charaktergestalten Christi und der 
-Apostel nicht sympathisch, wie er denn mehrmals grade den Auftrag 
für Apostelbilder zwar angenommen aber nie ausgeführt hat. Dagegen 
waren ihm die Geschichten des alten Bundes und hier wieder die zeit- 
lich entlegensten am willkommensten. Denn in dieser heroischen Vor- 
zeit giebt es noch keine individuellen Schattirungen; alles trägt das 
Gepräge des allgemein Menschlichen; hier konnte sich der Hang nach 
dem Typischen, Idealen ungehemmt ergehen. Und wie mit den Köpfen, 
so war es auch mit der Gewandung, die sich ebenfalls in voller Frei- 
heit, unbeirrt von bestimmten Kulturformen gestalten liess. 
Das Spiegelgewölbe, welches die Decke der Kapelle bildet, erwies 
sich für Michelangelds Kunst überaus günstig, weil es seiner Erfindungs- 
kraft den freiesten Spielraum bot, dieselbe durch keine architektonische 
Eintheilung in Fesseln schlug. Mit voller Freiheit gliedert er. die grosse 
Fläche, indem er die Linie einer idealen Architektur über sie ausspannt 
(Fig. 15). Da die Kapelle an jeder Langseite sechs Fenster hat, so ergaben 
sich über jedem derselben, sowie über den beiden der Eingangsseite 
Schildbogenwände, über welchen Stichkappen in die Fläche des grossen 
Spiegelgewölbes einschneiden. Michelangelo liess nun doppelte Pilaster
        

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