Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271565
der Sixtina. 
Decke 
Grundidee. 
in Flandern in Gold und Seide ausführen liess. Den Abschluss machte 
endlich Michelangelo mit seinem Jüngsten Gericht. S0 wetteiferten 
die bedeutendsten Künstler des 15. und 16. Jahrhunderts in dem Be- 
streben, die vornehmste Stätte des päpstlichen Kultus zu schmücken, 
und so wurde die sixtinische Kapelle das grösste und erhabenste Ge- 
sammtdenkmal der christlichen Malerei. 
Dass einem so grossartigen Unternehmen, mit dessen Ausführung 
beinahe siebzig Jahre (1473-1541) unter der Regierung einer Reihe 
von Päpsten hingingen, eine einheitliche Idee zu Grunde liegt, ist ver- 
schiedenen Biographen Michelangelds entgangen, obwohl ich vor längerer 
Zeit darüber den Beweis geführt habe. Hätte der Künstler, wie es 
einen Augenblick die Absicht gewesen zu sein scheint, bloss die Ge- 
stalten der Apostel an diese ungeheure Decke gemalt, so wäre er nicht 
bloss der Armseligkeit verfallen, sondern auch von jenem einheitlichen 
Plan abgewichen. Dieser Gesammtplan beruht auf einer durch das 
ganze Mittelalter in den Kunstwerken zu verfolgenden Grundidee, nach 
welcher der Inhalt des Erlösungswerkes in vielfach gegliedertem Paral- 
lelismus veranschaulicht wurde. Die leitende Idee dabei War, die Dar- 
stellungen aus dem Leben Christi mit entsprechenden Scenen aus dem 
alten Testamente zu begleiten, den Alten und den Neuen Bund im 
Verhältniss von Verheissung und Erfüllung aufzufassen, die Vorgänge 
des Einen als prophetische Hinweise auf die Ereignisse des Andern 
zu behandeln. In der weiteren Entwicklung führte die Gliederung 
dieser vtypologischen Bilderkreise" zu einer consequenten Dreitheilung 
des Stoffes, indem man unter den Geschichten. des alten Testaments 
eine schärfere historische Sonderung vor und nach der mosaischen 
Gesetzgebung (ante legem und sub lege) einführte. Beiden stellte man 
die Epoche des Erscheinens Christi auf Erden als dieHerrschaft der 
Gnade (sub gratia) gegenüber. Man gewann dadurch eine reiche 
architektonische Gliederung, und eine bedeutsame Raumsymbolik, welche 
den Inhalt der christlichen Geschichten um so nachdrücklicher l1ervor- 
treten liess. 
Auf ähnlichen Gesetzen beruht der malerische Schmuck der six- 
tinischen Kapelle, ja es waltet hier eine Raumsymbolik, welche die 
geschichtliche Zeitfolge nach dem Maasse des räumlich Entfernteren 
und Nähßrßll dem Auge verführt. Die Gemälde der Decke lassen die 
Epoche der Schöpfungsgeschichte bis zur Sündüuth (ante legem) er- 
scheinen. Die Wandbilder der linken Langseite schildern in sechs 
grossen Fresken die Geschichte Mosis (sub lege); ihnen gegenüber sehen 
Lübke, Italien. Malerei. II. 7
        

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