Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271468
Michelangelds. 
Tafelgemälde" 
Frühe 
87 
1857 anerkannt worden und aus dem Besitz des Mr. Labouchere in 
die Nationalgalerie von London übergegangen. Es stellt die Madonna 
mit einem Buch in der Rechten sitzend dar. Zwischen ihre Kniee 
drängt sich das Christuskind, angethan mit einem kleinen Schurz, eifrig 
nach dem Buche greifend. Daneben sieht man den kleinen Johannes, 
der sich in sein Thierfell zu hüllen sucht und sich der Madonna an- 
schmiegt. Die Gruppe sollte zu beiden Seiten durch zwei Engel ab- 
geschlossen werden, von denen die beiden zur Rechten der Madonna 
nur untermalt sind. Hier zeigt sich der Künstler noch ganz in den 
Spuren Donatellds, dessen herbe Männlichkeit er fast noch überbietet. 
Wohl haben die Engel in ihrem treuherzig schlichten Ernst etwas 
Anziehendes, aber in den Kindern und der Madonna vermisst man 
jeden Hauch von Anmuth, statt dessen eine gewisse heroische Indifferenz 
sich zu erkennen giebt. Eine Fülle neuer Motive der Bewegung und 
Gewandung verstärkt den eigenthümlichen Eindruck. Die Farben- 
behandlung in einer trockenen, unerfreulichen Tempera beweist, dass 
der Künstler, völlig gleiohgiltig gegen malerischen Reiz, nur plastische 
Tendenzen im Auge hatte. 
In der That blieb die Bildnerei noch lange Zeit bei ihm im 
Vordergrund. So schuf er für J acopo Galli, einen römischen Edelmann, 
die Marmorstatue des jugendlichen Bacchus, welche man jetzt im 
Museum des Bargello sieht. Für denselben Gönner arbeitete er einen 
lebensgrossen marmornen Cupido. Sein Hauptwerk in dieser Zeit war 
aber die herrliche Pietä, welche man in der Sakramentskapelle von 
St. Peter bewundert, und die ihm am 26. August 1498 um vierhundert- 
fünfzig Dukaten von dem französischen Kardinal de Villiers, Gesandten 
beim päpstlichen Stühle, übertragen wurde. Wie ganz anders frei, 
seinem innersten Genius entsprechend, Michelangelo damals arbeitete, 
sobald es ein plastisches Werk galt, beweist wohl nichts so sehr als 
dies ergreifende Gebilde. 
Vier Jahre hatte Michelangelo in Rom geweilt, als er, durch die 
unaufhörlichen Klagen seines Vaters bewogen, wieder nach Florenz 
zufückkehrte. Dort hatte inzwischen die blutige Katastrophe Savonarolas 
den Staat in neue Verwirrung gestürzt, und die Verhältnisse erschienen 
wenig günstig für künstlerische Unternehmungen. Dennoch erhielt er 
im Juni 1501 einen bedeutenden Auftrag vom Kardinal Piccolomini, 
für die Kapelle im Dom zu Siena nicht weniger als fünfzehn Statuen 
von Christus, den Aposteln und zwei Engeln auszuführen, für welche 
er fünfhundert Dukaten erhalten sollte. Es kamen aber nur vier Figuren
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.