Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1270152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1271440
Michelangelds. 
Arbeiten 
Früheste 
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seine Tafel. Hier kam Michelangelo in fortwährende Berührung mit 
den ausgezeichnetsten Geistern Italiens, denn an Lorenzo's Tafel fand er 
die ersten Gelehrten, Staatsmänner, Dichter und Künstler der Zeit. In 
dem hochgebildeten Kreise wurden literarische, künstlerische und wissen- 
schaftliche Fragen in dem grossen Sinne der Renaissancekultnr erörtert. 
Eine höhere Auffassung und ein freierer Blick in's Leben Wurden ihm 
hier zu Theil, namentlich aber drangen zum ersten Mal die platonischen 
Lehren an sein Ohr, welche seiner idealgestimmten Natur innig verwandt 
waren. Mit den Söhnen des Hauses, dem späteren Papst Leo X. und 
dem nachmals so unglücklichen Piero, verkehrte er in freundlichster Weise. 
Damals stellte er auf Veranlassung des gelehrten Poliziano in einem 
Marmorrelief des Herkules Kampf mit den Kentauren dar. Das Werk, 
welches sich jetzt noch in der Casa Buonarroti befindet, leidet zwar an 
Ueberfüllung, setzt aber durch die Lebendigkeit der Bewegungen und 
die für einen siebenzehnjahrigen Künstler überraschende Kenntniss 
der Formen in Staunen. Aus dieser Zeit datirt auch ein ebendort 
befindliches Marmorrelief einer Madonna mit dem Kinde, das Weit mehr 
der Weise Donatello's als der Antike folgt, aber einzelne Züge selb- 
ständiger Empfindung verrath. Damals schon erregte der hochbegabte 
Künstler, der im Uebermuth sich an den Genossen zu reiben liebte, die 
Eifersucht seiner Genossen, und Pietro Torrigiani versetzte ihm einst 
in der Leidenschaft einen solchen Schlag in's Gesicht, dass das Nasen- 
bein zerbrach und Michelangelo auf Lebenszeit verunstaltet blieb. 
Als der junge Künstler vier Jahre im Hause der Medici war, 
wurde durch den Tod Lorenzo's (1492) dieses Verhältniss gelöst. In 
das Haus seines Vaters zurückkehrend, betrauerte er den Verlust seines 
edlen Gönners, suchte dann aber sich durch Arbeit vom Uebermaass 
des Schmerzes zu befreien, indem er einen grossen Marmorblock erwarb 
und daraus einen vier Ellen hohen Hercules schuf. Das Kunstwerk, 
welches später nach Frankreich kam, ist gänzlich verschollen. Auch 
ein Crnciiix aus Holz scheint untergegangen, mit welchem er dem  
Prior von Sto. Spirito seinen Dank dafür erstattete, dass dieser im 
Kloster ihm ein Zimmer überlassen hatte, wo er Leichen sßciren und 
den Grund zu seiner unübertroffenen anatomischen Kenntniss legen 
konnte. Bald darauf zog Piero de' Medici ihn wieder in seinen Palast; 
aber ohne den hohen Sinn seines Vaters vermochte er die Kunst nur 
als Spielzeug, nicht als eine der edelsten Lebensausserungen aufzu- 
fassen. In seinem Uebermuth wurde der entartete Medici bald S0 
allgemein verhasst, dass sich im Stillen der Sturm vorbereitete, welcher
        

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