Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1269491
512 
Buch. 
Die 
Frührenaissance. 
In diese lange Epoche der Blüthe fällt nun auch der Aufschwung 
des gesammten künstlerischen Lebens. Wir haben gesehen, wie lange 
die byzantinischen Tendenzen, von welchen die mittelalterliche Kunst 
in Venedig zehrte, sich erhielten; wie wenig man an den grossen 
Entwicklungen des 14. Jahrhunderts Theil nahm (vgl. S. 216). Bis 
gegen 1450 bleibt in Architektur, Plastik und Malerei die Kunst 
Venedigs an mittelalterliche Formen gebunden. Es herrscht eine 
Stagnation, die man sehr wohl als Ausfluss jener politischen Zustände 
begreift, welche jede Aeusserung einer selbständigen Theilnahme an 
den öffentlichen Angelegenheiten verpönte. Die Folgedavon war, wie 
sie stets in Despotieen oder despotischen Aristokratieen sein wird: ein 
Ueberwiegen. des materiellen Genusslebens, im Bunde mit einer kirch- 
lichen Devotion, die an religiösen Festen, Aufzügen, Wundergeschichten 
ihre Freude findet. So tritt denn auch der Humanismus erst spät und 
bei Weitem nicht mit der alldurchdringenden Gewalt wie in Florenz, 
hier auf. Carlo Zeno (t 1418) war der Erste, welcher den klassischen 
Studien sich hingab und Gelehrte wie Chrysoloras, Vergerio, Guarino 
begünstigte; aber der Staat selbst verhielt sich in seiner oligarchischen 
Abgeschlossenheit gleichgültig gegen die klassischen Studien, die inner- 
halb enger Privatkreise in der vornehmen Gesellschaft isolirt gepflegt 
wurden. Ein Francesco Barbaro, sowie die Giustiniani stehen in ihren 
Bestrebungen vereinzelt da, und selbst die Bibliothek, welche Kardinal 
Bessarion 1468 aus einer Grille der venezianischen Republik schenkte, 
vermochte nicht eine allgemeine Begeisterung für die humanistischen 
Studien zu wecken. 
Das Spiegelbild dieser Verhältnisse und Zustände bieten nun 
die bildenden Künste. In keiner Stadt Italiens wäre ein Bau möglich 
gewesen von solch willkürlicher und phantastischer Mischung gothischer 
Formen mit missverstandenen Details des neuen Stils wie S. Zaccaria. 
Erst mit der Madonna de' Miracoli (1481) und dem gleichzeitigen 
Pal. Vendramin-Calergi gewinnt die Renaissance ihre volle Ausprägung; 
aber nicht in dem edlen Ernst toskanischer Bauten, sondern in einem 
heitren, graziösen, dekorativen Spiel, das an buntfarbiger Marmor- 
Verkleidung und zierlicher Ornamentik sich ergötzt. Aehnliches Zögern 
erkennt man in der Entwicklung der Plastik; um 1443 ist sie bei 
der Ausschmückung der Porta della Carta des Dogenpalastes noch 
völlig mittelalterlich, und lässt nur in kleinen Nebensachen, nament- 
lich den heiter spielenden Putten, einen leisen Hauch des neuen Stiles 
spür en.
        

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