Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1269301
Kapitel. 
VIII. 
Die 
lombardisch-piemontesisehen 
Schulen. 
493 
tektur in paduanischem Stile umfasst; die oberen Heiligen stehen 
hinter einem prächtigen Goldgitter. Zu dem allen kommt noch eine 
Predella Imit der Geburt Christi, der Kreuzigung, Auferstehung und 
den vier Kirchenvätern. Die Gestalten zeigen durchweg eine herbe 
Strenge, ein entschiedenes Streben nach scharfer Modellirung und 
Charakteristik; die Karnation verräth, besonders in den mittleren Bil- 
dern, durch die grauen Töne und die trüben Schatten eine Arbeit, 
die man wohl auf Zenale beziehen darf. Die Madonna ist nicht hübsch, 
vielmehr etwas gleichgültig und spiessbürgerlich, das Kind leidlich; 
allerliebst aber sind die sechs Engel, zwei oben schwebend, zwei sich 
angelegentlich zu ihr wendend, als wollten sie ihre Herrin unterhalten, 
die untersten beiden zu ihren Füssen musicirend. Der h. Martin auf 
seinem etwas hölzernen Schimmel erscheint ziemlich steif, aber der 
nackte Bettler, der mit flehender Greberde zu ihm aufblickt, ist recht 
gut bewegt und energisch gezeichnet. Die Seitentafeln zeigen im 
Ganzen einen etwas wärmeren Ton und dürften daher am ersten auf 
Buttinone deuten. Einige der weiblichen Heiligen haben eine gewisse 
vornehme Hoheit, die man am ersten Zenale zutrauen möchte; auch 
die männlichen Gestalten sind in ihrer scharfen Charakteristik recht 
tüchtig. Die Predellenbilder dagegen verrathen eine flüchtigere Be- 
handlung. Im Ganzen hat man es hier offenbar mit einem der bedeu- 
tendsten Werke der alten lombardischen Schule zu thun.  Die 
ebenfalls von beiden Künstlern gemeinsam ausgeführten sehr ver- 
blichenen Fresken in der Kapelle des linken Querschiffs von S. P ietro 
in Gessate sind kaum zu erkennen, dürfen daher ausser Betracht 
bleiben. 
Eine geringere Begabung verräth Giov. Donato Montorfano, von 
Welchem man ein wohlerhaltenes grosses Freskobild der Kreuzigung 
im Refektorium von S. Maria delle Grazie, gegenüber dem Abend- 
mahl Lionardds, sieht. Das figurenreiehe Gemälde trägt den Namen 
des Künstlers und das Datum 1495. Es giebt uns einen werthvollen 
Beleg von dem Zustande der lombardischen Malerei vor dem Auftreten 
Lionardds. Denn die Kunstweise dieses grossen Meisters hat auf 
Montorfano noch keinen Einfluss geübt. Er ist ein alterthümlieh 
befangener Künstler, der indess die realistischen Tendenzen in seiner 
Weise aufgenommen und nach Kräften sich angeeignet hat. Die Com- 
position leidet an der Ueberladung, welche der älteren Kunst eigen 
ist; der Leichnam Christi zeugt von geringer anatomischer Kenntniss; 
überall tritt ein mühsames Ringen nach dramatischem Ausdruck hervor;
        

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