Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1269271
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Buch. 
Die Frührenaissance. 
Sonderung und Unterscheidung ihrer Arbeiten einige Schwierigkeiten. 
Für Zendle zunächst ist das mit dem Namen des Künstlers versehene 
Bild einer Madonna in der Galerie zu Bergamebezeichnend. Sie 
sitzt in einer Rosenlaube, ihrem Kinde die Brust gebend, auf hübschem 
landschaftlich-architektonischem Hintergründe, und lässt trotz starker 
Restauration sowohl in den Formen, wie in dem eigenthümlich grauen 
Fleischton deutlich den Einfluss Borgognonds erkennen. Verwandten 
Charakter trägt eine Reihenfolge von Tafeln in einzelnen Gestalten 
von Heiligen, welche aus der Kirche Sta. Maria delle Grazie in Ber- 
gamo nach Mailand in die Brera gekommen sind. Sie gehörten zu 
einem Altarwerk, dessen Mittelbild, die thronende Madonna mit vier 
Engeln, sich ebenfalls in der Brera befindet. Es sind tüchtig gezeich- 
nete, würdevolle Gestalten von sehlankem Bau, feierlicher Ernst liegt 
in den Köpfen, die Madonna ist nicht eben anmuthig, ebcnsowenig die 
Engel; der Farbenton ist trüb mit schmutzig grauen Schatten, die 
Gewänder mit den scharf gebrochenen Falten erinnern an die padua- 
nische Schule. Ungleich bedeutender indess ist ebendort das grosse 
Altarbild Nr. 449, welches die Madonna auf dem Throne, umgeben 
von den vier Kirchenvätern und verehrt von Lodovico Sforza, seiner 
Gemahlin Beatrice und zwei Kindern darstellt. Auch hier ist das 
Fleisch überaus trübe in der Farbe, mit dunklen schmutzig grauen 
Schatten, das Blau der Gewänder auffallend hell wie bei Borgognone; 
auch die häufige Anwendung von Goldschmuck erinnert an die ältere 
Schule. Aber die Köpfe sind ungemein bedeutend, energisch modellirt, 
namentlich die Bildnisse von lebensvoller Charakteristik, meisterhaft 
besonders die naiven Kindergesichtchen. Dies Alles, sowie der Typus 
der Madonna und die Art wie sie sich nach vorn überneigt, erinnert 
entschieden an Lionardo. Während also die technische Ausführung 
und die koloristische Behandlung den früheren Werken Zenale's ent- 
spricht, wird man die Abweichungen von denselben auf den Einfluss 
Lionardo's zurückführen dürfen, ohne genöthigt zu sein, dem Meister 
dies bedeutende Werk abzusprechen. 
In der That muss Lionardo irgendwie bei diesem Werke be- 
theiligt sein, denn die Naturstudie zu dem einen der Kinder, Maximilian 
Sforza, siehtman in der Ambrosiana. Dass Zenale zu dem grossen 
Meister in freundschaftlichen Beziehungen stand, ist bezeugt. Lionardo 
soll sogar, da er mit dem Christuskopfe in seinem berühmten Abend- 
mahl unzufrieden war, sich Trost und Beruhigung bei Zenale geholt 
haben, der damals ebenfalls für S. Maria delle Grazie arbeitete. Eine
        

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