Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1268480
Kapitel. 
Um brisch-toskanische 
Schule. 
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rührung mit Signorelli kommt etwas Zwiespältiges in den künstlerischen 
Charakter des einfachen Klosterbruders, wie man an den Bildern in 
der Pfarrkirche zu Gastiglione Fiorentino, namentlich an einer 
thronenden Madonna mit Heiligen vom Jahre 1486 deutlich wahrnimmt. 
Wichtiger für uns ist die Gestalt eines anderen Künstlers, der 
in seinem bescheidenen Wirken allerdings nur eine Stellung zweiten 
Ranges einnimmt, aber schon als Vater Rafaels hohe Bedeutung für 
die Kunstgeschichte hat. Giovanni Santi von Urbino gehört zu den 
Meistern, welche auf der Grundlage umbrischer Gefühlsinnigkeit durch 
Berührungen mit Piero della Francesca und Melozzo eine eigenthüm- 
liche Üebergangsstellung gewinnen. Sein Grossvater Peruzzolo wohnte 
in den ersten Dezennien des 15. Jahrhunderts zu Colbordolo in der 
Grafschaft Urbino. Als 1446 Sigismondo Malatesta die Gegend ver- 
wüstete und auch das Besitzthum Peruzzolo's durch Feuer und Plünde- 
rung zerstörte, siedelte dieser 1450 nach der Hauptstadt Ürbino, wo 
er in einem von der Brüderschaft der Misericordia gemietheten Hause 
seinen Kramladen aufschlug. Sein Sohn Sante setzte nach des Vaters 
Tode das Geschäft mit solchem Erfolge fort, dass er wiederholt Grund- 
eigenthum erwerben und 1464 ein Haus in der Contrada del Monte 
ankaufen konnte. In diesem Hause wurde Rafael geboren. Sein Vater 
Giovanni wuchs zuerst in dem elterlichen Geschäfte heran, aber da 
seine Jugend in die Zeit fiel, wo unter dem edlen Herzog Federigo ein 
höheres Kulturleben am Hofe von Ürbino sich entfaltete, die Wissen- 
schaften gepilegt wurden und die Künstler durch den Neubau des 
Schlosses und dessen Ausstattung Anlass zu vielfacher Thätigkeit er- 
hielten, so regten sich in Giovanni höhere Neigungen. Er tritt in 
seiner noch erhaltenen Reimchronik nicht blos als ein wohlunterrichteter 
vielseitig gebildeter und poetisch begabter Mann uns entgegen, sondern 
steht bald auch unter den Malern seiner Heimath geachtet da. Bei wem 
er seine erste künstlerische Erziehung genossen hat, wissen wir nicht. 
Als 1468 Uccelli dort arbeitete, hat das Auftreten eines so bedeutenden 
Künstlers sicher auf Giovanni Santi eingewirkt, und als ein Jahr da- 
rauf Piero della Francesca dorthin berufen wurde, übertrug man Gio- 
vanni die Bewirthung des fremden Meisters. Dass er überhaupt die 
bedeutendsten Künstler der Zeit richtig zu schätzen wusste, geht aus 
seiner Reimchronik genugsam hervor. Wie sehr damals der Aufschwung 
des künstlerischen Lebens mit all seinen neuen Anschauungen gleich- 
sam in der Luft lag, beweisen die Werke Giovannfs. Sie gehören 
fast ausschliesslich dem engen Kreise des Andaehtsbildes an, Welches 
Lühke, Italien. Malerei. I. .27
        

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