Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1268205
Kapitel. 
Umbrisch-toskanische 
Sch ule. 
398 
Zweifel dauerte sein Aufenthalt in Florenz lange genug, um ihn völlig 
mit der Strömung der dortigen Kunst vertraut zu machen. In der 
That finden wir, namentlich in seinen früheren Werken, starke An- 
klälnge an Andrea del Castagno, vor dessen herber, bis in's Unschöne 
gehenden Kraft der Charakteristik das, was in Piero an umbrischer 
Grefühlsweise war, sich auf längere Zeit fast völlig verllüchtigte. Er 
tritt nun in die Reihe derjenigen Künstler, welche an der Wissenschaft- 
lichen Begründung der Malerei bedeutenden Antheil haben; mit dem 
berühmten Mathematiker Fra Luca Pacioli scheint er in freundschaft- 
lichen Beziehungen gestanden zu sein, wie dieser selbst in seiner Pro- 
portionslehre bezeugt, und seine eignen Forschungen über die Perspek- 
tive hat er in einem erst neuerdings wieder aufgefundenen Traktat 
niedergelegt. In seinen Bildern verräth sich nicht bloss eine unge- 
wöhnliche Kenntniss der Gesetze linearer Perspektive, sondern auch 
eine feine Abtönung der Farben durch sorgfältige Beobachtung der 
verschiedenen Luftschichten. Für diese rein malerische Tendenz kamen 
ihm die Bestrebungen seines Meisters Domenico Veneziano in Aus- 
bildung der Oeltechnik zu Statten, deren weitere Entwicklung keiner 
der gleichzeitigen Mittelitaliener in solchem Maasse gefördert hat wie 
Piero. Denn man darf nicht vergessen, dass die ähnlichen Bestrebungen 
der Pollajuoli und des Verrocchio einer etwas späteren Zeit angehören. 
Damit verbindet endlich der Meister von Borgo S. Sepolcro eine 
Kenntniss der klassischen Architekturformen, in welchen er sich als 
Schüler, wenn nicht als ebenbürtigen Genossen von Brunellesco und 
Leo Battista Alberti ankündigt. Wenn diesen grossen Vorzügen gegen- 
über das umbrische Schönheitsgefühl eine Zeitlang zurücktritt und der 
Realismus mit herber Sehroffheit die Überhand gewinnt, so darf man 
daran erinnern, dass in den späteren Werken Pierds die lange unter- 
drückte Anmuth sich Wieder zu Tage ringt. 
Wenn Vasari Recht mit der Behauptung hat, dass Piero mit 
seinem Meister nachmals in Loreto thättig gewesen und dass er dann 
von Nicolaus V. nach Rom berufen werden sei, um im Vatikan Fresken 
auszuführen, so lasstvsich von diesen angeblichen Arbeiten keine Spur 
mehr nachweisen. Mit achtundzwanzig Jahren aber (1451) arbeitete 
er für Sigismondo Malatesta von Rimini, einen jener furchtbaren Ge- 
waltherrscher des damaligen Italien, in welchen sich auf hoch phan- 
tastische Weise glühende Ruhmbegier, leidenschaftliche Liebe für Kunst 
und Wissenschaft mit ruchloser Lasterhaftigkeit verbanden. Durch 
jede Art von Verbrechen seine Herrschaft behauptend, hatte er von
        

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