Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1264141
Kapitel. 
Epoche. 
Altchristliche 
Schon in dem zuletzt erwähnten Wandgemälde beweist die bedeutsame 
Gestalt Christi den vollzogenen Umschwung in die historische Auf- 
fassung, während die Nebenscenen noch völlig den symbolisch andeu- 
tenden Charakter der früheren Zeit verrathen. Es ist also ein Werk, 
das den Uebcrgang von der älteren zur neueren Auffassung bezeichnet. 
d Ver allem Wunschte man nun .wo möglich ein historisches Bild 
es Erlosers. Schon in fruheren Zeiten hatten manche fromme G6- 
müthei- dies sehr begreifliche Verlangen getragen. Constantins Schwester 
Constantia drückte gegen den Bischof Eusebius von Caesarea den 
Wunsch aus, ein Bildniss Christi zu besitzen; Gemälde und Selbst 
Statuen Christi kannte man damals schon, allein in der Kirche gab es 
immer noch bedeutende Autoritäten, Welche sich Solchen Darstellungen 
widersetzten. Wichtig war es jedoch, dass seit dem Ausgang des 
vierten Jahrhunderts die frühere extrem ascetische Auffassung von der 
hässlichen Knechtsgestalt des Erlösers in das Gegentheil umschlug, 
und dass man den Heiland nicht bloss als den reinsten, sondern auch 
als den schönsten der Menschen hinstcllte. Eine bestimmte Tradition 
aber von der Wirklichen Erscheinung des Herrn gab es nicht; doch 
ist die spätere Legende von dem Könige Abgarus von Edessa, welchem 
Christus sein in ein linnenes Tuch abgedrücktes Bild geschickt habe, 
ebenso die Legende vom Bildniss Christi im Schweisstueh der Vcronika, 
ein Zeugniss von dem immer stärker hervortretenden Verlangen nach 
einem Portrait des Herrn. Dieses findet dann seinen Ausdruck in dem 
iingirtcn Briefe des Lentulus, eines angeblichen Vorgängers des Pilatus 
in der Landpiiegcrschaft Judads, in welchem Gestalt und Zügc Christi 
ungefähr so festgestellt werden, wie die altchristliche Kunst dieselben 
gicbt. Er schildert Christus als einen Mann von stattlicher Erschei- 
nung, das etwas gekrauselte dunkle Haar, nach nazarenischer Sitte in 
der Mitte gescheitclt, lang über beide Schultern herabfliessend, die 
Stirn rein und klar, das faltenlose Antlitz von gefälliger Bildung und 
massig gefärbt, Nase und Mund untadelig, der volle aber nicht lange 
blonde Bart in der Mitte getheilt, die Augen von hellem Glanz. Es 
ist das Idealbild Christi, wie es im Lauf des fünften Jahrhunderts, 
vielleicht schon seit dem Ausgang des vierten, sich immer bestimmter 
ausprägt, die erste und zugleich bedeutendste christliche Gestalt von 
selbständiger Erfindung. (Fig. 6.) Denn was bis dahin geschaffen War, 
wie die jugendlichen Figuren des guten Hirten, die Madonna, die 
Apostclköpfcwßveicht nicht von dem Typus antiker Gestalten, von 
jugendlichen Hirten, Matronen oder Philosophen ab. Selbst die Bronze-
        

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