Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1267225
Kapitel. 
florentiner 
Die 
Schule. 
Generation. 
Erste 
303 
über solche Dinge geurtheilt wurde. Es scheint aber müssig, noch 
heute mit sittlicher Entrüstung über Fra Filippo herzufa11en_ Bekannt- 
lieh war die Sittenlosigkeit damals nicht bloss in Italien, sondern in 
der ganzen Welt und namentlich auch in Deutschland in den meisten 
Klöstern offenkundig, nur dass die übrigen geistlichen Sünder nicht so 
schöne Bilder gemalt haben wie Fra Filippo. Wegen dieser einen 
allerdings schweren und nicht zu entschuldigenden Vergebung aus 
unserm Carmelitermönch einen rohen Wüstling machen zu wollen, 
dürfte um so ungerechtfertigter sein, wenn wir seine Kunstwerke zu 
Zeugen aufrufen. Lieblicher und zarter, jungfräulicher und holdseliger 
hat kaum ein andrer Maler das Mutterglück geschildert. Er ist darin 
der Vorläufer RafaePs. Seine Madonnen athmen nicht jene himmlische 
Reinheit und Seligkeit, wie die Fra Angelico's, aber sie sind erfüllt 
von dem rein menschlichen Glück des Muttergefühls. Es sind die 
ersten Madonnen in der Kunstgeschichte, welche das Feierliche, Re- 
präsentative der Himmelskönigin, das auch bei Fiesole noch die Grund- 
lage bildet, abstreifen und die schönste und reinste der menschlichen 
Empfindungen ohne kirchliche Nebenbeziehung aussprechen. Sie zuerst 
geben die Verklärung des rein Menschlichen, und desshalb haben sie 
auch nicht mehr die ideale Bildung des Kopfes, wie bei Fiesole und 
selbst bei Masolino und Masaccio, sondern sie geben das bestimmte 
Bild eines individuellen durchaus porträtmässigen Frauenkopfes, der 
mit den zarten, bisweilen sogar dürftigen Formen, dem kleinen Kinn, 
der hohen, breiten, gelegentlich etwas leeren Stirn durchaus keinem 
idealen Schönheitstypus entspricht, aber durch die Innigkeit und Herz- 
lichkeit der Empfindung uns rührt und fesselt. Er zuerst führt die 
Madonna dann auch nicht bloss feierlich thronend, von einem Hofstaat 
von Engeln und Heiligen verehrt vor, sondern er lässt sie uns in ihrem 
intimen häuslichen Leben belauschen,'wie sie mit dem Kinde kost, es 
an sich drückt und ganz in Mutterwonne sich verliert. Solche Bilder, 
für die er dann die durchaus private Form des runden Medaillons 
erfindet, sind offenbar für die Hausandacht gemalt und stehen den 
grossen gegliederten Altarwerken als eine besondere Gattung gegenüber. 
Dazu kommt das klare, sonnige Kolorit, rosig angehaucht und zart 
verschmolzen, dazu ferner die mehr malerische als plastische Durch- 
bildung der Gestalten, die nichts von der grossartigen Wucht Masaccio's 
haben, sondern mehr der Behandlung Fiesole's entsprechen.  
Gleich eins seiner frühesten Bilder zeigt die Sinnesweise Fra 
Filipprfs schon in voller Ausprägung. Es ist die jetzt im Museum zu
        

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