Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266990
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Buch. 
Die Frührenaissance. 
erfüllten. Wir haben lauter einfache bildnissartige Aktfiguren vor uns, 
die wohl durch treuherzigen Ernst, zum Theil auch durch gemüthvolle 
Innigkeit ansprechen, aber nichts Hinreissendes haben. Eine gewisse 
kühle Nüchternheit liegt über dem Ganzen. Auch die architektonische 
Umgebung, die Nischenwand mit dem schlichten Thron der Madonna 
bietet nur das knapp Nothwendige, nicht die Pracht der gothischen 
Throne, noch auch die dekorative Fülle der entwickeltem Renaissance. 
Alles das giebt dem {Werke das Gepräge einer gewissen primitiven 
Herbigkeit. Die beiden weiblichen Heiligen zeigen das naive Gesicht 
mit dem Stumpfnäschen, wie es sich bei Botticelli und Filippino Lippi 
findet; die Madonna ist von bedeutenderem aber nicht eben schönerem 
Typus; die männlichen Heiligen sind von sehr realistischer völlig 
porträtmässiger Erscheinung, aber voll Ernst und Innigkeit. Sehr 
gelungen ist das Christkind, eins der anmuthigsten jener Zeit. Die 
kräftige Zeichnung und die Modellirung mit grünlichen Schattentönen 
erinnern am meisten an Castagno. Ebendort sieht fman unter Nr. 44 
einen fälschlich dem Fra Filippo zugeschriebenen h. Hieronymus, scharf 
und selbst hart in der Modellirung, fast wie ein Verrocchio, aber kälter 
und trüber im Ton. Die beiden Tafeln Nr. 37 und 39 mit einer 
Magdalena und Johannes dem Täufer verrathen ebenfalls eine bis zur  
Uebertreibung gehende Schärfe der Zeichnung, sind dabei aber von 
Wärmerem Colorit. Im Museum zu Berlin sieht man unter Nr. 1055 
eine Maria, die den Leichnam Christi auf ihrem Schoosse hält, ein 
ebenfalls strenges, nicht unbedeutendes Bild, herb im Ausdrucke, scharf 
in der Modellirung. Roh und handwerklich dagegen ist ebendort ein 
h. Hieronymus (Nr. 1139), den man wohl kaum dem Castagno zu- 
trauen darf. 
Mehrfach finden wir auch Castagno mit der Darstellung von 
profanen Gegenständen beschäftigt. S0 wurde ihm 1435 von der Re- 
gierung der Auftrag zu Theil, die hingerichteten Anführer der Peruzzi 
und Albizzi im Bargello gleichsam zum ewigen Schandgedachtniss an 
die Wand zu malen. Er erhielt davon den Beinamen Andreino degli 
Impiccati d. h. der Galgenvögel-Andreas. Ebendort sieht man eine 
Anzahl von Fresken aus der Villa Carducci zu Legnaia, für welche 
er eine Reihe von Helden, Dichtern, sowie berühmter Frauen des 
Alterthums, Esther, Tomyris und die Sibylle von Cumae gemalt hatte. 
Es sind Gestalten von mächtigem Lebensgefühl und kühner Gewalt 
in Bewegung und Charakteristik. Etwas von der stürmischen Be- 
geisterung jener Zeit für grosse Persönlichkeiten spricht sich in ihnen
        

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