Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266974
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Buch. 
Die Frührenaissance. 
geboren ward und, wie Giotto, die Heerden hütete. Als er einst 
durch Zufall einen wandernden Maler bei der Arbeit traf, erwachte in 
ihm der Trieb zur Kunst, und mit Unterstützung eines Mitgliedes der 
Familie Medici gelang es ihm nach Florenz zu kommen und dort die 
Malerei zu erlernen. Unablässig scheint er indess mit Armuth und 
Krankheit gekämpft, und einen Theil seines Lebens in den Spitälern 
verbracht zu haben. Er starb 1457, Wahrscheinlich an der Pest, und 
wurde in der Kirche der Servi begraben. Trotz dieser kümmerlichen 
Verhältnisse lebte in Castagno ein energischer trotziger Geist, der sich 
in seinen wenig anziehenden, aber bisweilen zu herber Grossartigkeit 
sich erhebenden Werken spiegelt. Es liegt eine gewisse bäuerliche 
oder plebejische Üngeschlachtheit in ihm, deren Ausdrucksweise Ver- 
wandtschaft mit manchen Arbeiten D0natello's zeigt. Wie jener, nur 
nicht mit einem gleiohumfassenden Talent, geht er mit voller Energie 
auf Charakteristik des niederen Lebens aus. Anstatt geistiger Be- 
deutung giebt er in seinen resolut gezeichneten, mit dunklen Schatten- 
tönen scharf modellirten Gestalten den Ausdruck einer fast ungestümen 
Willenskraft. So gehört er in die Reihe derer, welche mit einer ent- 
schiedenen Einseitigkeit ihren Antheil an der naturalistischen Entwick- 
lung der Kunst nehmen. 
Ueberaus charakteristisch ist das Fresko in Sta. Croce, worin 
er Johannes den Täufer und St. Franziskus in einer Weise dargestellt 
hat, die lebhaft an ähnliche Figuren Donatellds erinnert (Fig. 84): 
herb im Ausdruck, ohne einen Hauch von Anmuth, aber mit erstaun- 
licher anatomischer Wahrheit der ascetisch abgemagerten Körper, die 
fast nur Knochen und Muskeln "zeigen. Nicht viel erfreulicher ist eine 
Darstellung der Kreuzigung mit Maria, Johannes und Magdalena, 
St. Benedikt und St. Romuald im Kreuzgang der Angeli: abermals 
ein Werk von niederem Realismus und mit ziemlich äusserlicher und 
roher Charakteristik des Schmerzes. Eine Darstellung desselben Gegen- 
standes im zweiten Kreuzgang der Angeli ist noch weniger erfreulich. 
Etwas günstiger wirkt eine dritte Kreuzigung im Ospedale von Sta. 
Maria Nuova. Das weitaus bedeutendste seiner Werke ist aber das 
erst neuerdings entdeckte Abendmahl im Refectorium von Sta. Apol- 
lonia, einem ehemaligen Nonnenkloster, welches erst seit seiner Ver- 
wandlung in ein Militärmagazin zugänglich geworden ist. Hier hat 
der Künstler offenbar seine ganze Kraft zusammengenommen, um ein 
Werk zu schaffen, welches jenen bedeutenden Gegenstand zum ersten 
Mal, frei von der conventionellen Auffassung der Giottisten, mit einer
        

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